Samstag, 18. August 2018
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Foto: Lennart Horst

Interview mit Matthias Coers zu seiner Arbeit in der Friedensfilmpreisjury der 68. Berlinale 

Herr Coers, warum thematisieren Sie in Ihrer Arbeit so intensiv das Thema Wohnraum?

Bezahlbarer Wohnraum für alle bedeutet ein Stück echten sozialen Frieden, der seinen Namen verdient. Guter Wohnraum ist die Voraussetzung, um gut leben zu können. Teilhaben an der Gesellschaft geht nicht, wenn man wohnungslos ist oder beständig auf der Suche nach bezahlbarem Wohnraum. Man braucht einen Ort, an dem man sich zuhause fühlt, von dem aus man hinausgehen kann in die Gesellschaft. Aber das gelingt immer weniger, weil Wohnraum in der modernen Gesellschaft eine Ware ist, für die viel Geld fließt. In der Immobilienwirtschaft wird viel verdient und es wird versucht, die Wohnkosten weiter zu erhöhen. Ich halte das für einen falschen Weg. Denn je weniger die Menschen für so etwas Notwendiges wie Wohnen bezahlen müssen, je mehr haben sie für anderen Konsum, für gesunde Ernährung, gute Bildung, sie haben freie Zeit und so die Möglichkeit, am gesellschaftlichen Fortschritt mitzuwirken, also zum sozialen Frieden beizutragen.
Sind die Wohnkosten hoch, bedeutet das Einschränkungen – vor allem für ärmere Bevölkerungsteile, da können die Wohnkosten schnell 50% des Einkommens ausmachen. Das ist nicht nur ein Berliner, sondern ein globales Phänomen, ein absolut zentrales Problem. Deswegen beschäftige ich mich mit dem Thema.

Sie nutzen für Ihre Arbeit das Medium Film. Warum?
Ich habe mir das Filmemachen über Jahre angeeignet und halte es für ein wichtiges Mittel des Erzählens. Mir geht es nicht um das Filmen über andere, sondern das Filmen mit anderen. Es geht schon bei der Produktion darum, neue, möglichst gleichberechtigte Formen der Kooperation zu entwickeln. Und ich habe festgestellt, dass für das Medium Film, das ja heute vermasst ist über YouTube und andere Kanäle, über Handy-Videos, vielfach schlicht die organisatorische und technische Kompetenz fehlt. Dass viele Leute keine aussagekräftigen Filme machen können, oft fehlt einfach die Zeit, sich eingehend damit zu beschäftigen. Das ist bei jedem Kunstwerk so – ein Dokumentarfilm ist auch ein Kunstwerk – man widmet sich mit kulturellen Mitteln gesellschaftlich relevanten Themen. Film bietet eine ergreifende Möglichkeit, Themen sichtbar zu machen, die sonst so in der Dichte und Intensität nicht wahrnehmbar sind. Es hört aber nicht bei der Idee und Produktion auf, es geht mir auch darum, immer wieder bei der Verbreitung dabei zu sein, um sich der Diskussion zu stellen. Fernsehen finde ich aus vielen Gründen nicht so interessant, für mich ist die Situation im Kino und bei Veranstaltungen relevant – die Debatte mit den Anwesenden über den Gegenstand der Arbeit. Da hat man die Kino-Öffentlichkeit und auch die der Nichtregierungsorganisationen und Initiativen an alternativen Veranstaltungsorten und kann damit wunderbare Situationen schaffen, wo zusammen reflektiert und diskutiert wird.

Sie sind bei der bevorstehenden Berlinale Mitglied der Friedensfilmpreis-Jury. Was macht für Sie einen Friedensfilm aus?
Der Begriff Friedensfilm erscheint erstmal konstruiert, viele Filme können Friedensfilme sein. Es kann ein in großer Besetzung produzierter Spielfilm sein genau wie ein ganz bescheidener Interviewfilm, da gibt es viele Möglichkeiten. Ich bin von meiner politischen Einstellung ein radikaler Humanist und bin absolut gegen Krieg, dagegen, dass Menschen Leid angetan wird. Jeder Mensch hat ein Existenzrecht, auch ökonomisch. Für mich ist ein Friedensfilm eine Möglichkeit zu zeigen – mit den Mitteln des Films – wie man gut miteinander umgehen kann. Das ist die eine Wirkung, eine andere ist die Ebene der Sichtbarmachung und der Kritik. Wo etwas dargestellt wird, was sonst nicht direkt wahrzunehmen ist. Das können Formen der ökonomischen Ausbeutung sein, wo Menschen ihre Lebenszeit damit verbringen, um unter schlimmen Bedingungen ein wenig am gesellschaftlichen Reichtum teilzuhaben. Es können alle gesellschaftlichen Fragen sein, bis hin zum Krieg mit militärischen Waffen, wo Menschen einfach vernichtet werden. Einige wenige erlauben sich über das Leben anderer Menschen zu entscheiden.
Friedensfilm ist das Medium der Sichtbarmachung. Film ist ein sehr emotionales Medium. Das gesprochene Wort und Ton sind darin bedeutende Ebenen und erreichen die Menschen tief. So kann er etwas öffnen und bewegen. Ein Friedensfilm ist für mich ein Film, der emanzipatorische Gedanken nach vorne bringt und zeigt, wie Leute hier auf diesem Planeten menschlich miteinander umgehen, ob in einem Flüchtlingslager oder in einer Unterkunft für Wohnungslose, an einem Arbeitsplatz oder in einer Familie. Die Botschaft ist: lasst es uns kooperativ und auf die unterschiedlichsten Weisen versuchen, bis wir es hinbekommen. In diese Richtung sollte ein Friedensfilm gehen und so werden wir die Filme bei der Berlinale sichten und zusammen als Jury entscheiden.

Sie sind Regisseur des Dokumentarfilms MIETREBELLEN. Wie gehen Rebellion und Frieden zusammen?
Für mich ist die Kategorie des zivilen Ungehorsams sehr wichtig. Wenn etwas in einer bestimmten historischen Situation geltendes Recht ist, aber doch von Teilen der Bevölkerung als ungerecht empfunden wird, dann ist ziviler Ungehorsam geeignet, dies sichtbar zu machen.
Bei Zwangsräumungen wird versucht, diese mit Blockaden zu verhindern, weil es einfach unmenschlich ist, in Zeiten von Wohnungsnot Menschen auf die Straße zu setzen. Weil es keinen bezahlbaren Wohnraum gibt, so sehr man sich auch bemüht. Wenn man dann seine Wohnung verliert, ist das eine unmenschliche Tatsache und schreit nach zivilem Ungehorsam. Ein Beispiel: die Mieter und Wohnraum-Aktivist_innen in Paris haben erkämpft, dass es ein Zwangsräumungsmoratorium für die Wintermonate gibt. Es wurde erkannt, dass es unmenschlich ist, die Leute in die Kälte zu expedieren. Sie werden dann zwar doch im Sommer geräumt, aber man merkt daran, wie sehr die Gesellschaft damit hadert, dass es Armut und Elend gibt – ich nenne es Wohnarmut. Die geht heutzutage bis in die Mittelschicht hinein. Aber man tut, als könne man nichts tun aufgrund der Ohnmacht gegenüber dem Marktgeschehen und müsse dann das Recht, in diesem Fall das bürgerliche Recht, das oft doch eher das Recht des Stärkeren ist, anwenden und dem Eigentümer der Wohnung diese zurückgeben. Wie so oft, werden die eigentlich gesamtgesellschaftlichen Probleme auf dem Rücken der Ärmsten ausgetragen. Deswegen ist das Thema relevant und führt zur Rebellion. Ein bedeutender englischer Autor, Eric Hobsbawm, hat ein Buch geschrieben, die Sozialrebellen, über Robin Hood und andere. Diese konnten durch ihre Aktionen die Gesellschaft nicht verändern, aber sie wollten durch ihre Taten auf einen Missstand hinweisen. Alle Grundideen der Religionen, alle humanistischen Ansätze, alle Philosophien, auch politische Utopien versuchen die bestehenden, harten, verkrusteten, unmenschlich erscheinenden gesellschaftlichen Strukturen aufzubrechen. Insofern ist ziviler Ungehorsam, ist Rebellentum legitim. Mindestens als Denkfigur, für meinen Film ist es erst mal ein Titel.

Worin sehen Sie den Wert des Friedensfilmpreises?
Es gibt viele unterschiedliche wichtige Preise, alle gehen in eine bestimmte Richtung, haben ein bestimmtes Thema, z.B. der Teddy-Award für den queeren Film oder der Preis Generation. Der Friedensfilmpreis hadert und kämpft damit, dass man nur einen Film auswählen kann. Es gibt ja viele gute Filme auf so einem Festival, die sich mit dem Thema Frieden, sozialer Frieden, gegen Krieg, für einen fundamental menschlichen Umgang miteinander gegen jedwede Ungerechtigkeit auseinandersetzen. Man muss eine Entscheidung finden innerhalb dieser Gruppe von Filmen, die sich sozialen, menschlichen Themen widmen. Der Friedensfilmpreis schafft eine Art Klammer. Die Friedensbewegung hat zentrale Ursprünge in der Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg, der Europa in Schutt und Asche legte. Mit Begeisterung wurde massenhaft in den Krieg gezogen, doch nicht wenige waren in kürzester Zeit Pazifisten, da sie das Elend des Krieges kennengelernt hatten, seine ausweglose Brutalität. Nehmen wir einen Prominenten der westdeutschen Friedensbewegung der 1980er Jahre, Heinrich Böll, der war im Zweiten Weltkrieg Soldat und wartete eine gefühlte Ewigkeit in der Kaserne. Die Soldaten sehnten sich nach dem Feld. Dann waren sie ein paar Tage oder Wochen an der Front und die Begeisterung wich Schrecken und Jammer und man wollte zurück in die Kaserne. Es bedarf nicht selten der konkreten Erfahrung für einen Bewusstseinssprung. Filme, die sich mit solchen Fragen beschäftigen und zum Beispiel eine Situation von Ausbeutung in der Fabrik zeigen, bettelnden Kindern oder Prostitution gehen natürlich ans Herz. Man macht die Erfahrung, dass eine andere Lösung, ein friedlicheres, ein besseres, emanzipiertes oder einfach zärtlicheres Miteinander dringend angesagt ist. Das Wort Frieden hat für mich immer auch einen matten Beigeschmack. Frieden scheint so banal, doch ist er ein hoher gesellschaftlicher Wert, der leider sehr mit Füßen getreten wird. Es gibt aktuell nicht nur sehr viel Ungerechtigkeit, sondern auch sehr viele Kriege. Als Subjekte leiden wir unter dem Ohnmachtsgefühl, dass wir vermeintlich nichts tun können.  Filme sind da ein Mittel, wenn auch ein bescheidenes. Sie können natürlich nicht intervenieren, aber sie öffnen Wahrnehmung und Bewusstsein und gerade auch im dokumentarischen Bereich widmen sie sich Nischen, und bewahren diese vorm Vergessen werden.

DAS GEGENTEIL VON GRAU ist der Titel Ihres aktuellen Films, was unterscheidet ihn von den MIETREBELLEN?
Dieser Film spielt nicht in der sich sprunghaft entwickelnden Hauptstadt. Dorthin fließt viel Geld, um diese als deutsche Metropole auf globalem Niveau zu installieren. Das Ruhrgebiet, wo DAS GEGENTEIL VON GRAU angesiedelt ist, steht hingegen vor enormen Problemen. Es erlebt einen riesigen Strukturwandel, da Industriearbeit überwiegend verloren gegangen ist und die Menschen sich auf eine Art neu erfinden müssen. Das geschieht nicht in erster Linie durch Industriekultur, Stadtmarketing oder Hochkultur, wie es einige Städte versuchen, sondern durch viele kleine persönliche Ansätze. Es war mir wichtig, mit Menschen aus dem Ruhrgebiet einen Film zu machen, der unterschiedliche Perspektiven zeigt. Sei es ziviler Ungehorsam, wo junge Leute ein leerstehendes Haus besetzen, um ein soziales Zentrum zu erkämpfen, oder dass Städtebewohner_innen einen kleinen Garten machen, um zusammen zu arbeiten, oder solidarische Landwirtschaft betreiben, um gesundes Essen herzustellen. Die nächsten wiederum machen eine kleine Fahrradwerkstatt und kochen zusammen, intervenieren so in der Nachbarschaft, und viele Kinder, die unter nicht einfachen Bedingungen in einem armen Stadtteil wohnen, können daran teilhaben. Oder sie machen in der Refugees’ Kitchen Arbeit mit Geflüchteten in einer ganz tollen Art, oder kämpfen für ihre Mietwohnungen in Duisburg am Zinkhüttenplatz und überspringen die kulturellen Grenzen zu Wagenplatz-Bewohner_innen und verbinden sich in solidarischer Absicht. In all diesen bescheidenen feinen Praxen entsteht Wissenstransfer und Verständnis untereinander – wesentlich für ein friedliches Zusammenleben.

Frieden ist das Gegenteil von Grau?
Frieden ist hoffentlich bunt, hell und leuchtend. Unsere vornehmste Aufgabe als Mensch ist es, den anderen als Bereicherung zu sehen. Mit ihm Gutes zu tun, eine Gesellschaft zu entwickeln, die ohne kriegerische Formen auskommt. Wir leben 2018, das Gemetzel des Ersten Weltkrieges ist hundert Jahre vorbei und es ist wirklich an der Zeit, dass wir den Anachronismus, den Wahnsinn der Waffenproduktion beenden. Kino hat ja etwas Friedliches an sich – man ist mit dutzenden oder hunderten Menschen in einem dunklen Saal und alle lassen sich im Licht der Projektion auf gemeinsame Wahrnehmung und Erkennen ein. Ein Festival birgt hier noch den großen Gewinn, dass Menschen um das Gesehene miteinander ins Gespräch kommen und sich austauschen. Man darf nicht vergessen, wir leben heute immer global, da wir global konsumieren. Die Berlinale bedeutet, dass Filme aus der ganzen Welt kommen und hier wird man auch als Juror mit viel Unerwartetem konfrontiert. Mit einem konstruktiven Blick ergeben sich enorme anwendbare Möglichkeiten und trotz aller Widersprüche wird der Reichtum des Planeten erkennbar und umso beklagens- und bekämpfenswerter der Wahnsinn, dass wir nicht friedlich miteinander leben.
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Matthias Coers arbeitet als unabhängiger Filmemacher und Soziologe. Als freiberuflicher Journalist und Kameramann produziert er Fotos, Texte und Videos u.a. mit Gewerkschaften, Mieterorganisationen, der AIDS-Hilfe und für Zeitungen. Er kooperiert mit partizipativen Initiativen, organisiert Vorträge und Veranstaltungsreihen zu den Schwerpunkten Stadtentwicklung, Soziale Infrastruktur und Erinnerungskultur. Er ist Mitglied der Jury für den Friedensfilmpreis der 68. Berlinale. Martin Zint sprach mit ihm.

Weitere Informationen zu der Arbeit von Matthias Coers unter www.zweischritte.berlin