Dienstag, 24. April 2018
You are here: RENAC International | Interview Peter Steudtner

Herr Steudtner, wie geht es Ihnen heute, knapp drei Monate nach der Entlassung aus türkischer Haft?

Den Umständen entsprechend, gut. Ich bin gut wieder bei der Familie gelandet, zum Teil wieder bei der Arbeit gelandet. Merke, dass ich langsamer geworden bin, aber diese Langsamkeit gönne ich mir. Insofern: alles gut!

Hegen Sie Groll gegen Ihre Peiniger?

Ich empfinde keine Wut darüber, dass mir 113 Tage mit meiner Familie, mit meinen ganzen sozialen Kontakten gestohlen wurden. Vor allem, weil mir andere Menschen, meine Mitgefangenen, Anwälte, extrem viel gegeben haben, die internationale Solidarität. Gleichzeitig will ich, dass das Gerichtsverfahren, das ja noch läuft, fair beendet wird. Dass Leute, die falsche Beweise gegen uns aufgebracht haben, bzw. keine Beweise, dass die zur Rechenschaft gezogen werden. Dass das Gerichtsverfahren fair in alle Richtungen geht.

Sie sind bei der bevorstehenden Berlinale Mitglied der Friedensfilmpreis Jury. Was kann Film in der Friedensarbeit leisten?

Ich glaube, dass er zwei Dinge machen kann, vielleicht auch drei. Er kann positive Beispiele liefern. Wir leben in einer Welt, wo die Nachrichten nur die negativen, schlecht ausgetragenen Konflikte thematisieren, Menschenrechtsverletzungen etc. Viel weniger wird berichtet über das, wo es geklappt hat. Wo Friedensabkommen erfolgreich geschlossen und eingehalten werden, Kriegshandlungen aufgehört haben, Menschen wieder miteinander reden. Wo Menschenrechtsverletzungen beendet wurden, wo es vielleicht Versöhnung gibt. Das andere wäre für mich, dass Filme Fragen stellen können, die sonst nicht gestellt werden. Die tiefer gehen können als das Freund/Feind-Bild. Die tiefer gehen können als das, was wir als Vorurteile in unseren Köpfen haben. Friedensfilme können die Graubereiche untersuchen, niemand ist nur Freund oder nur Feind, es gibt nicht nur Helden und nur Verlierer. Wir tragen immer beides in uns. Und die, die Frieden ermöglichen, oder auch ihn verhindern, bewegen sich in ihren Gefühlen und Gedanken in Grauzonen. Das auszudrücken, ich glaube, das können Friedensfilme leisten.

Darf ein Friedensfilm aggressiv sein? Darf die Grausamkeit des Krieges gezeigt werden?

Es hängt davon ab, welche Botschaft der Film vermitteln will. Für mich ist nicht wichtig, dass ein Film die Grausamkeiten mit Blut, die Kriegshandlungen etc. zeigt. Ich glaube, dass das eher Abstand beim Publikum schafft. Wenn ich an ein Publikum in Deutschland denke: die Wenigsten haben noch Krieg erlebt. Die Wenigsten haben kriegerische Auseinandersetzungen erlebt. Das hält uns auf Distanz. Wir können damit nichts verbinden, wir fühlen uns nicht angesprochen. Gleichzeitig, wenn es in den gefühlvollen Bereich hineingeht, wenn es um die Auswirkungen von Krieg, um die Auswirkungen von Folter geht, vom Nichtfriedenszustand: das spricht Gefühle in uns an, die wir kennen, da können wir Verbindungen herstellen und das motiviert, sich mehr zu engagieren.
Was zeichnet nach Ihrer Einschätzung einen Film besonders als Friedensfilm aus?
Zum einen zeichnet einen Friedensfilm für mich aus, dass er auf innovative Weise, ganz neu Konflikte oder Konfliktaustragung beleuchtet. Dass er Fragen stellt – oft ohne gesprochene Sprache, sondern nur durch Bilder stellt er Fragen. Er zeigt aber auch die guten Beispiele. Die haut er uns nicht plakativ um die Ohren - Friede – Freude – Pustekuchen. Sondern zeigt die Schwierigkeiten dorthin zu kommen und trotzdem gibt es Helden, stille Helden die im Hintergrund gearbeitet haben. Gleichzeitig glaube ich, ein Friedensfilm braucht keine Antworten zu geben, er muss hauptsächlich Fragen stellen und vor allem meine eigenen Stereotype in Frage stellen.

Was sind besonders relevante Themen für Friedensfilme?

Friedensfilme zeigen mir entweder, wo Verantwortung liegt, und nicht wahrgenommen wird. Oder aber Verantwortliche nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Oder im Positiven wird Verantwortung übernommen. Sei es im Kleinen, wenn Menschen aktiv zur Konfliktlösung beitragen, oder im Großen Verantwortungsketten aufzeigen. Zum Beispiel ein Film über den Krieg in einem afrikanischen oder asiatischen Land: Oft wird nicht gezeigt, welche Verantwortlichkeiten zu diesem Konflikt führten oder ihn am Laufen halten. Es wird nicht gezeigt, wo die Waffen hergestellt wurden und wie sie in die Konfliktregion kamen. Da würde mir der Film zu kurz greifen. Aber genau das ist die große Chance. Für mich ist es relevant, wenn Filme differenzieren. Wenn Filme mir kein Schwarz-Weiß-Bild zeigen, sondern Graustufen. Und dann die Verknüpfung und die Verkettung, bis hin zur eigenen Verantwortung. Das ist zum Beispiel beim Thema Landgrabbing, Landraub, fest immer gegeben. Ein Großteil des weltweiten Landgrabbing geschieht im Namen des globalen Nordens, um uns Güter zur Verfügung zu stellen und im Besonderen Renditen zu erwirtschaften.

Wenn jetzt die berühmte Fee erscheinen würde und Sie hätten einen Wunsch frei. Welcher wäre das?

Die platte Antwort wäre, ich wünsche mir, drei Wünsche frei zu haben.
Die komplexere Antwort wäre: Liebe Fee, bitte kehre den weltweiten Trend der „Shrinking Spaces“ in einen Trend des „Widening Spaces“ um, also die Aktionsräume der Zivilgesellschaft weltweit wieder auszuweiten, um den Menschenrechten globale Achtung und Durchsetzung zu verschaffen.


Vielen Dank und alles Gute für die Arbeit in der Friedensfilmpreis Jury.

Interview: Martin Zint