Sonntag, 20. Oktober 2019
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Laudatio

von Hermann Wündrich

WE COME AS FRIENDS

Ganz plump gesagt, gehen die Leute ins Kino, um sich unterhalten zu lassen. Was bedeutet, dass Filme unterhaltsam sein müssen. Ganz egal, ob Mainstream, Kunstfilm, Dokfilm, Underground, Off oder Off-Off, themenorientiert oder l`Art pour l`Art – ein Film ohne Publikum ist wie gar kein Film. Ein jeder Film, der sich an eine Öffentlichkeit wendet, zielt auf Zuschauer und wird zu einem Teil der Filmindustrie. Die Berlinale ist einer der Hotspots, bei dem die Filme zu Markte getragen werden.

Wie verträgt sich das mit einem Friedensfilmpreis? Wie mit dem Wunsch, mit der Auszeichnung einen, wenn auch noch so kleinen, aber anspruchsvollen Beitrag für den Frieden auf der Welt zu leisten? Wie geht das mit einer klaren Aussage zusammen, mit inhaltlicher Aufklärung, notwendiger Anklage?

Zunächst ist festzustellen: der Friedensfilmpreis hat kein Programm, nach dem die Jury urteilt. Es gibt keine festgeschriebenen Regeln und definierten Kriterien, die ein Preisträger erfüllen sollte. Für den Friedensfilmpreis existiert keine Magna Carta.

Sicher, ein friedensfilmpreisgekrönter Film sollte, wie ein Jurymitglied mal anmerkte, „nach den Regeln der Kunst sein – oder diese missachten.“ „Das Thema soll über bewegte Bilder vermittelt und mit Sound kombiniert sein.“ „Die Geschichte soll lösungsorientiert sein.“ „Ein Friedensfilm soll Empathie ermöglichen.“
Das ist so gut und richtig wie allgemein - und lässt der Jury alle Freiheiten. Also wird jedes Jahr aufs Neue in einem freien Spiel der Kräfte zwischen Jury und dem Angebot, das die Berlinale bereit hält, ein Preisträger ermittelt.
Friedrich Schiller hielt das freie Spiel für den Teil des Lebens, der zwischen Vernunft und Gefühl angesiedelt ist und diese miteinander verknüpft. Erst im Spiel, so seine Meinung, kommt der Mensch ganz zu sich selbst. Ein Friedensfilmpreis aus diesem Geist geboren, eine Jury von diesem Geist beseelt? – Etwas Schöneres kann ich mir nicht vorstellen, wenn der Preisträger auf diese Weise von Menschen, die ganz bei sich sind, spielerisch gefunden wird.
Dieses freie Spiel birgt allerdings – wenn die Jury sich verzettelt – auch die Gefahr in sich, dass der Preis in subversiven Gefühlskitsch, in faulen Freiheitszauber sich verrennt. Oder sich einem Zeitgeist in die Arme wirft, der als Summe jener Vorurteile gelten kann, die zu einem bestimmten Zeitpunkt auf der Erdoberfläche herrschen.
Das freie Spiel ist aber auch die große Chance überhaupt: Wenn die Jury eine zeitlich bemessene Gemeinschaft von Einzelgängern unter den vielen Jurys dieses Festivals bleibt. Wenn ich richtig gezählt habe, gibt es 26 Jurys bei der Berlinale. Und ist der Preis ein Außenseiter unter den ca. 50 offiziellen oder unabhängigen Preisen, die insgesamt vergeben werden, dann bleibt der Friedensfilmpreis einzigartig.

Diese Einzigartigkeit macht diese Verleihung des Friedensfilmpreises, wie ich finde, zu einem kostbaren Ereignis. Ein besonderer und abgesonderter Haufen von Nicht-Einverstandenen demonstriert gegen Unfrieden und gegen die Kriege auf der Welt.
Eine Herkulesaufgabe! Auch eine Sysiphusaufgabe?! Keine andere Jury stellt sich dem. Ich bin überzeugt davon, dass es diese kostbaren, ja fast magischen Momente geben muss. Sie dienen dem Erhalt der Welt.
Wer weiß, vielleicht gehört die Jury, als ein Körper betrachtet, sogar zu den 36 Gerechten auf der Welt, die es der Kabbala nach gibt. Keiner kennt sie, auch die Betreffenden selbst wissen es nicht und sind dennoch das Salz der Erde.  Ich kann mir das in diesem Fall vorstellen.

Auf einen derart ausgezeichneten Film eine Laudatio zu halten, ist nicht ohne. Auch hat es etwas von einem Blind Date, über einen Film zu sprechen, den ich erst heute morgen kennen lernen konnte. Was ist, wenn der Film mir missfällt? Wie loben, wenn Lob verlogen wäre?
Wer sich in die Gefahr begibt, kommt darin um. Aber wer wagt gewinnt. Schließlich ist einem Blind Date auch schon mal Liebe auf den ersten Blick entsprungen.
Also: Das Wagnis ist gelungen. Zur Wahl des Filmes WE COME AS FRIENDS von Hubert Sauper kann ich die Jury nur beglückwünschen. Der Film hat mich beeindruckt. Warum? Ich möchte mich auf drei Aspekte konzentrieren:
Mich beeindruckt die Unbedingtheit, mit der Sauper sein Thema angeht. Er hat eine klare Botschaft: Die Kolonialzeit ist kein Fall für Historiker. Sie ist nicht vorbei und vergangen. Kolonialismus wütet nach wie vor. Der heutige Kolonialismus ist brutal und zynisch wie der alte, plus Korruption, die dazu kommt.
Es sind nicht mehr Staaten, die rauben. Heute sind es internationale und staatliche Konzerne. Der Kolonialismus in Afrika ist keineswegs zu Ende. Er blüht geradezu auf.
Auf der Pressekonferenz sagte Sauper: „Alles was an Korruption und Prostitution heute den Kontinent beschäftigt, hat mit dem ersten Händedruck begonnen.“
Georg Christop Lichtenberg schrieb vor 250 Jahren in sein Sudelbuch: „Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung.“
Afrika leidet noch heute unter seiner Entdeckung. Genauer: unter der Entdeckung seiner Rohstoffe. Der erste Händedruck schmerzt zunehmend.
Mich beeindruckt auch das Ungleichgemäße, das Widersprüchliche, das der Film inszeniert.
Um dorthin zu gelangen, wo ihn niemand hinbringen wollte, flog Sauper mit einem selbst gebastelten Leichtflugzeug in den Sudan. Mit einer beflügelten Seifenkiste, einem Kinderspielzeug aus einer anderen, fremden, schönen, friedlichen Welt steuert er einen der schrecklichsten und dunkelsten Orte der Erde an. Wie eine Erscheinung landet er bei den ausgebeuteten und gedemütigten Sudanesen. Ein himmelschreiender Kontrast.
Eine Spieluhr wie von Morricone liefert die verwirrende, verstörende Auftaktsmusik. Es ist eine europäische Melodie: die Internationale.
Ein feinsinniger Hinweis auf eine schöne, große Idee? Ein subversiver oder gar vergeblicher Hinweis darauf, wie man den Schrecknissen, die Sauper sich „erfliegt“, beikommen kann?
Verwirrend und spannend zugleich ist der Film durch seine Kontraste. Mit seinem Fluginsekt versucht Sauper sich - und wir mit ihm als seine Fluggäste - zwischen ignoranten Ölbohrern aus China, texanischen Missionaren, die solarbetriebene Bibeln verteilen, sterbenden Soldaten, Whiskey saufenden Piloten aus Schottland, Minensuchern, amerikanischen Waffenhändlern und sudanesischen Politikern zurechtzufinden, die den Ausverkauf ihres Landes betreiben.
Dem gegenüber stehen Gespräche mit Einheimischen. Es sind einfache Menschen. Sie hocken in ihrem schönen Land auf den Abfallhalden der Neuzeit, haben einen klaren Verstand und sagen einfach die Wahrheit:
 „Amerikaner, Briten, Deutsche, Chinesen haben eine sehr elegante Art, unser Land zu kontrollieren. Sie machen irgend jemanden zu einem großen afrikanischen Führer und unterstützen ihn dann.
Aber mit diesen schlechten Führern wird sich Afrika niemals entwickeln. Es sind Gangster. Das wird mit Absicht gemacht. Heimlich. Führer mit Weitblick dagegen fallen schon mal Flugzeugabstürzen zum Opfer.“
Mich beeindruckt schließlich die Emphase, mit der Sauper sich einmischt. Er versucht mit seinen Mitteln, den Mitteln des Films – die er übrigens meisterhaft beherrscht –in Verhältnisse einzugreifen, die er als skandalös empfindet. Sauper ergreift Partei. Sein Film ist ein Plädoyer für die Menschenwürde und gegen Menschenrechts-Verletzungen. Eine Anklage. Sein Film ist ein Pamphlet, ein Schrei.
Sauper spitzt zu, indem er Fragen stellt. Er zeigt verstörend, wie ein geschundenes Land weiterhin geschändet wird.. Aber indem er den Sudan zeigt, zeigt Sauper auch auf die westliche Welt, auf uns, die wir gern Spieluhren lauschen und von der Ausbeutung der Rohstoffe profitieren. Statt zu handeln.
„Einmischung ist die einzige Möglichkeit, realistisch zu bleiben“, sagte einst Heinrich Böll. Saupers Film ist unerträglich realistisch.

So. Nun beginnt Ihr Blind Date, über das ich Ihnen nun schon einiges verraten habe. Öffnen Sie die Augen. Schauen Sie genau hin. Hören Sie genau zu. In diesem Film gibt es viel zu entdecken

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(alle Stephan Röhl)

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