Sonntag, 25. Juni 2017
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Helgard Gammert

Inhaberin des Bali-Kinos

Helgard-Gammert
(Foto: Stephan Röhl)

Helgard Gammert und die Friedensfilmpreis Jury

Du bist Mitglied in der Friedensfilmpreis-Jury. Was bedeutet die Arbeit in der Friedensfilmpreis-Jury für dich?
Es ist eine echte Chance, meinen Blick auf diese Welt und auf das was Menschen innerhalb dieser Welt erleben, erleiden, erdulden müssen zu vertiefen, meinen Horizont zu erweitern. Und das dann auch mit nach Hause zu nehmen, für mich selber, für meine Person, für mein persönliches Leben, aber natürlich auch für die Arbeit im Kino. Es bereichert mich.

Weil du dreißig Filme in zehn Tagen sehen kannst?
Ach, ich glaube gar nicht dass es die Menge ist. Es zieht sich ein roter Faden durch - das ist ja das Typische an dieser Friedensfilmpreis-Jury - dieser rote Faden ... Man guckt sich Filme an und lässt sie dann doch an der Seite liegen, und denkt, ja klar, Kambodscha, na klar, Afghanistan. Aber irgendwo geht da ein roter Faden durch, und dieser rote Faden, den nimmt man mit nach Hause.

Wie erlebst Du die Zusammenarbeit mit den anderen Jurorinnen und Juroren?
Bereichernd. Ganz eindeutig bereichernd. Es muss auch nicht immer alles glatt gehen, aber ich muss sagen, dass diese Diskussionen für mich ein intellektuelles Vergnügen sind. In jeder Beziehung. Auch wenn jemand eine ganz andere Meinung hat, wie es ja schon ein paarmal passiert ist. Ich hätte den Preis zum Beispiel gerne für einen Kinderfilm, weil ich denke, in den Kindern ist unsere Zukunft. Das finde ich unglaublich wichtig. Was haben die überhaupt für eine Zukunft? Und dann muss ich es in der Jury vertreten, auch wenn ich nicht durchkomme. Das ist aber in Ordnung so.

Wann hattest Du mal die Schnauze so richtig voll von der Friedensfilmpreis-Jury?
Noch nie. Ach so, doch, vielleicht wenn die Auseinandersetzung praktisch ins Persönliche geht, das mag ich gar nicht.  Wenn es am Film bleibt, wobei sich natürlich jeder ganz persönlich einbringt, das ist völlig klar, jeder hat eine völlig andere Sehweise. Aber es sollte schon am Film bleiben und auch immer irgendwie mit einem Respekt. Respekt gegenüber der anderen Meinung und so. Ich höre auch extrem gerne zu, ich muss auch nicht immer reden. Aber wenn es ins Persönliche geht, und irrational wird, das mag ich gar nicht. 

Wie reagiert dein Umfeld auf deine Mitarbeit in der Friedensfilmpreis-Jury? Spricht man dich auf dieses Thema an?
Ja. Sehr viel. Die finden das unglaublich toll. Naja du, du musst doch in der Friedensfilmpreis-Jury sein, so wie du arbeitest. Was ich in der Jury tue, das kann ich mitnehmen. Ich gehe ja ganz häufig, wenn ich abends von der Berlinale zurückkomme, nochmal in mein Kino und gucke, was da an unerledigten Dingen ist, und ob ich irgendwas erledigen kann. Dann stehe ich in meinem kleinen Kino, und denke (schnief) "Ich habe keinen Vorhang, ich habe das nicht, und ich habe keine richtigen Plüschsessel und ich habe auch gar nicht diesen tollen Vorspann, den ich so schön finde, mit dem Bären der dann in den Sternenhimmel übergeht, den würde ich auch so gerne haben. Und ich denke, ach, mein Kino ist doch schon sehr, sehr klein, und ich kann gar nicht mithalten. Das habe ich mindestens zwei Jahre lang gehabt, dass ich richtig todtraurig war. Überhaupt, von der Berlinale zurück zu gehen ins Kino, in den Alltag - da gehört ja vieles dazu bis hin zum Putzen. Ich bin jetzt wieder angekommen. Ich kann das sehr gut trennen und finde es wunderbar, die Berlinale-Welt und dann gehe ich von der Berlinale in mein Kino zurück, und sage: hier kann ich was tun.

Was war denn das Schönste, was du bisher mit der Friedensfilmpreis-Jury erlebt hast?
Ich glaube das Schönste ist immer das erste Kennenlernen, und man merkt dass man sich auf einer Ebene trifft. Und dass man ganz, ganz neugierig wird. Das ist immer der schönste Augenblick. Sich auf eine ganze Gruppe von sehr unterschiedlichen Leuten einzulassen, und jeder bringt seine Geschichte mit und seine Sichtweise oder Sehweise von Filmen. Das ist das Schönste an der ganzen Geschichte.

Und welchen Film würdest Du als den aufregendsten, schönsten bezeichnen, den ihr  prämiert habt?
Diesen polnischen Kinderfilm von den russischen Kindern, " Jutro bedzie lepiej" "Morgen wird alles besser". Der hat so viele Elemente drin, die Geschichte der Kinder, letztlich dass Kinder selbst in schwierigsten Situationen, auch in politischen Situationen immer noch Kinder bleiben können. Also das, was uns ja gar nicht gelingt, dass sie immer irgendwo ein Stück Hoffnung haben. Ja, und wenn es manchmal ein Stück trockenes Brot ist. Das hat mich sehr berührt.

Was ist dein Wunsch an den Friedensfilmpreis?
Dass er so lebendig bleibt, dann hat der Friedensfilmpreis eine Chance. Er hat eine Zukunft, wenn er nach wie vor an sich glaubt, dass es ihn geben muss. Man muss nach außen in die Öffentlichkeit tragen, wie wichtig so ein Friedensfilmpreis ist, mehr als je zuvor.

Aus dem „Nähkästchen“ einer Cineastin und Kinobetreiberin

Wie bist du eigentlich zum Thema Film gekommen? Gab es da irgendein Erlebnis oder Ereignis, das dich auf diese Schiene gesetzt hat?
Ich gehöre zur 68er Generation. Ich habe zwar keine Steine geschmissen, aber ich war hoch motiviert, politisch. Adäquate Antwort auf unsere Aussagemöglichkeit und unser Empfinden war immer der Film. Wir sind praktisch nur ins Kino gegangen. Das war unglaublich. Und aus dieser Kinoleidenschaft heraus ist dann eben auch die Leidenschaft gekommen, dass ich im Programmausschuss des Mannheimer Kommunalen Kinos gearbeitet habe. Und die fragten mich eines Tages, ob ich den Vorsitz übernehmen könnte. Und daraus hat sich dann Schritt für Schritt und Stück für Stück sozusagen meine Kinolaufbahn entwickelt.

Welche Filme waren in dieser Zeit wichtig?
In erster Linie die Franzosen, Godard, Truffaut. "Außer Atem", "Pierrot le fou". Das sind natürlich auch die Filme, die ich hier in Berlin, nachdem ich das Kino gekauft hatte, sofort aufs Programm gesetzt habe. Es war für mich wie ein Weihnachtsgeschenk, ein Kino zu haben. Wobei - das mit dem Weihnachtsgeschenk... Das war eine Verpackung die dann hinterher ganz andere Dinge entwickelte. Aber ich dachte, ein Kino zu haben, ein politisches Kino, mit einem hohen Anteil an Filmkunst-Filmen... O, jetzt kann ich alles das tun was in mir drin ist, und was ich liebe.

Worin siehst Du die Wirkung von Filmen?
Dass er Menschen bewegt, dass sie sich identifizieren können. Es gibt natürlich auch Filme, die mit dem Holzhammer arbeiten: Da habe ich immer versucht, sie möglichst auszulassen. Filme, die nicht zu ideologisch sind, sondern immer noch die Möglichkeit geben, darüber nachzudenken. Also die freie Entscheidung über das was der Film einem eigentlich sagen will, auch wenn er eine klare Botschaft hat. Und dass die Menschen betroffen sind. Ich glaube das habe ich mein ganzes Kinoleben über durchgezogen, das habe ich auch immer vertreten. Ich wollte die Leute NIE erziehen, das kann ich zuhause machen - ist schon schlimm genug - meine Kinder sind ja jetzt alt genug. Ich habe versucht, Vorbild zu sein und klare Vorgaben zu geben. Aber ich wollte immer den Leuten was mitgeben wenn sie aus dem Kino rausgehen.
Es war die Zeit Baader-Meinhof, Hungerstreik, Stammheim, und das wurde dann dramatisch. Ich kriegte das auch nur schwer in den Griff, das hat mir sehr leid getan. Ich habe nie eine Podiumsdiskussion gemacht ohne dass die Polizeigewerkschaft dabei saß, oder die Leute vom Innenministerium in Stuttgart. Die waren immer mit dabei. Aber man kriegt das nicht in den Griff, manche Leute sind unglaublich gut in der Art wie sie andere beeinflussen oder in die Ecke stellen. Das hat mir sehr missfallen. Ich habe auch eine dicke Broschüre "Innere Sicherheit" zu dieser ganzen Geschichte erstellt und die Filme "Stammheim", den Film über Holger Meins und andere, dazu gespielt und diskutiert. Und stellte dann fest, dass es für mich sehr eng wird. Ich hatte das Gefühl dass ich Aufmerksamkeit erregt habe, und ich musste dafür den Kopf hinhalten.

Mannheim / Berlin

Und dann kam Manfred Salzgeber mit seinem Film - ich glaube es war "Viva Portugal" - nach Mannheim und fragte " Helgard, willst du mein Kino haben?" O.k. (Sie atmet tief aus) Kino in Berlin und dann das Bali-Kino. Das Bali-Kino war das Kino das alle unglaublich respektiert haben. Es war DAS politische Kino, unabhängig, hing nicht an irgend einem Gemeindetropf oder Senatstropf sondern hat aus eigener Kraft finanziell existiert - soweit ich das beurteilen kann, ich meine schon - und hat unglaublich interessantes Kino gemacht.
Für mich war das unglaublich, das hat mein ganzes Leben durcheinander gebracht. Ich habe ein halbes Jahr lang darüber nachgedacht, das war fast nicht auszuhalten. Ich habe dann Kontakt in Berlin aufgenommen, auch zu den Freunden der Cinemathek. Ich muss dazu sagen, ich war auch gleichzeitig im Vorstand der kommunalen Kinos Deutschland, ich kannte natürlich die Leute alle, auch die vom Arsenal. Die haben gesagt "um Himmels willen, komm nicht nach Berlin, hier zerreißen dich die Wölfe, du kommst aus der Provinz, mach das ja nicht". Andere haben gesagt, z.B. Walter Schobert, Frankfurt, "Mach das, das ist für dich eine echte Chance". Und die Freiburger sagten, "da können wir zusammen arbeiten, und wir helfen dir". Und irgendwann war es ganz klar. Ich wollte eigentlich weg aus dieser ein bisschen engen Lage in Mannheim, und so dachte ich: "Mann, probier's doch einfach".

Wie waren denn die Unterschiede in den Problemen denen du begegnest bist zwischen Zehlendorf und Mannheim?
Ich kam aus Mannheim und dachte mir liegt die Welt zu Füßen, meine eigene Kinowelt. Nicht die Welt, das würde ich nie sagen, aber meine Kinowelt erschien mir einen unglaublichen Horizont zu haben. Ich schaufelte das Kino am 1.1.1979 aus. Derjenige, der mir für Manfred Salzgeber das Kino übergab, hatte erstmal den Schlüssel abgebrochen und es lag ein Meter hoch Schnee so dass die Leute in Zehlendorf mit Langlaufskiern fuhren und ich kriegte das Kino nicht auf und hatte mittags gleich Vorstellung. Ich kann ja auch vorführen, stand da völlig alleine und hätte am liebsten geweint. Aber da waren ja die Schneewehen wegzumachen.
Mein Publikum hat den Inhaberwechsel des Bali-Kinos sehr argwöhnisch beobachtet. Ich habe das nicht gewusst oder habe es nicht wissen wollen. Mir war plötzlich völlig klar, dass Manfred Salzgeber sozusagen ein Inselkino hatte, was es ja dann hinterher für mich auch geworden ist. Er wurde gehasst. Manfred Salzgeber wurde in Zehlendorf richtig abgelehnt, d.h. die Leute haben ihre Kinder vor der Eingangstür des Kinos weggezogen und haben gesagt: "Geh hier weg, das ist ein kommunistisches Kino".

Und wie hat sich das gewandelt?
In der Anerkennung. Ich denke, wenn man in Zehlendorf ist kann man nicht davon ausgehen, dass einen Berlin mag. Sondern man muss erstmal da anfangen wo man ist, in seinem Umfeld. Und in diesem Umfeld, da haben die Leute gemerkt, dass ich nicht voll blöde oder auf den Mund gefallen bin. Aber sie haben mich schon auch erstmal kritisch beäugt. Und nach 'ner Weile hat sich das verändert. 80 Prozent meines Publikums sind Akademiker, Mittelschicht, die natürlich bestimmte Dinge erwarten. Wenn ich die Schaubühnenstücke nachspiele, da war es prima voll. Und wenn ich ein bisschen was kritisches gespielt habe, dann war es eben nicht voll.

Man kann also sagen, dass Du ein doppeltes Stigma hattest. Für die Berliner Linken warst du aus der Provinz, ein Landei, und für die Zehlendorfer warst du die Linke, die die Gesellschaft umstürzt.
Genau, das wollten sie nicht. Das ist jetzt schon ein bisschen her - so lange noch nicht- und ich merke immer wenn mich jemand danach fragt dass ich feststelle, dass mich das glaube ich am meisten getroffen hat: ein Interview mit der taz, ich weiß nicht mehr wer das jetzt genau war, wie die Leute hießen, die ganz klar sich positioniert haben und sich hingesetzt haben, mir gegenüber und gesagt haben: Ganz klar ist, du gehörst zur linken Szene und du bist ein Verräter. Du hast dich angepasst, an die Szene in Zehlendorf. Und es wäre ja wohl sinnvoll dass ich mein Kino nehme und woanders hinziehe. Ja, hätte ich gerne gemacht, aber die Mieten in der Stadt konnte ich dann noch weniger zahlen.

Das liebe Geld …

Rechnet sich politisches Kino in Zehlendorf?
Nein, das rechnet sich gar nicht. Aber ich würde nie aufhören, ein politisches Kino zu machen. Also ich habe ja so einen Balance, wenn ich meine Programmauswahl mache. Ich mache immer bestimmte Filme, wo ich weiß ... "Mr. Turner", das war klar dass der in Zehlendorf geht, man kennt Turner. Oder "Geliebte Schwestern" , die Geschichte mit Schiller und so. Es gibt bestimmte literarische Themen, die gehen einfach. Oder man weiß, bestimmte Filme gehen. Die muss ich ich drin haben, sonst kann ich meine Miete nicht bezahlen, und ich gehöre schon zu den Leuten die mit die höchste Miete in Berlin zahlen, von den Kinos. Aber ich würde nie aufhören Filme zu spielen die mir wichtig sind.
Als " Schindlers Liste" auf den Markt kam, da habe ich ihn nicht gespielt, weil ich mit diesem Thema kein Geld verdienen wollte. Die Leute haben es nicht verstanden, weil ich sowieso eigentlich pleite war. Die haben es nicht verstanden: ich wollte damit kein Geld verdienen, das war mir zuwider. Aber ich habe in der Zeit "Hotel Terminus" gespielt, da kam keiner, vielleicht zwei Leute oder so. Und das hat mich häufig auch unglaublich traurig gemacht. Also ich habe auch viele traurige Geschichten in diesem Kino erlebt. Aber ich würde immer sagen, ich bin sehr, sehr positiv gestimmt, und das was toll war in dem Kino und die Begegnungen, ganz viele Begegnungen, ja, das war toll. Und dafür würde ich immer wieder nochmal diese Entscheidung treffen.

Was ist für dich der Unterschied zwischen diesen beiden Versuchen, nationalsozialistische Grausamkeiten und Geschichte zu behandeln oder aufzuarbeiten?
Hotel Terminus ist ganz klar ein Dokumentarfilm. Das heißt ich kann mich darauf verlassen. Obwohl, man weiß ja seit Michael Moore, dass man sich auch auf Dokumentarfilmer nicht immer verlassen kann. Außerdem sollte es ein Thema sein, mit dem ich mich auseinandersetzen MUSS. Da möchte ich, dass mein Publikum sich so einen Film anguckt. Das würde ich mir wünschen. "Schindlers Liste" ist ein sehr gut gemachter, nach amerikanischem Hollywood-Vorbild gut gemachter Film über dieses Thema. Ich habe ihn im Übrigen fast jeden Vormittag spielen müssen. Also ich habe oben am Schreibtisch gesessen und geweint. Ich musste ihn für Schulen spielen, weil die ihn bestellt haben. Aber ich habe damit - das heißt, die Leute sind da für zwei Euro reingegangen, ich habe damit nicht das Geld verdient, es ist eigentlich wurscht, es könnte jetzt auch eine Literaturverfilmung sein, weiß ich, "Der Medicus". Jetzt ist es halt gerade "Schindlers Liste", da kommt man auch ein bisschen betroffen raus. Dagegen habe ich irgendwie was. Ich kann damit nicht umgehen. "Schindlers Liste" hat absolut seine Daseinsberechtigung, aber, wie gesagt, es ist ein gut gemachter Film. Ja, und es sind tolle Figuren, und spielen alle toll, und ich gehe hinterher raus und habe geweint, aber das will ich gar nicht. Ich finde das ist am Thema vorbei.

Weil es nachgespielt ist?
Ja, aber das betrifft dieses Thema. Wie unser Bundespräsident jetzt gesagt hat, es wird in unserer Identität immer Auschwitz geben, und ich ertrage darüber keine Spielfilme. Die ertrage ich einfach nicht.

Was ist mit "Nackt unter Wölfen"? Magst Du den auch nicht?
Doch, das ist völlig richtig, den habe ich auch gespielt, denen gestehe ich zu dass sie ehrlich sind. Aber "Schindlers Liste" war mir ein bisschen einen Schlag zuviel.

Vielleicht weil es bei "Nackt unter Wölfen"  die Opferperpektive ist? Vielleicht ist der Spielberg-Film zu glanzvoll, die Musik zu mächtig?
Zu glatt, ja und die Musik,  genau.

Und wie ist das mit "Der Pianist"? Ist das auch so?
Nein, den habe ich gespielt. Naja, Man merkt immer wenn man darüber nachdenkt, wenn man sich mit so einem Kino oder mit Geschichten über Menschen beschäftigt, merkt man oh, Gott, ich glaube ich muss es noch einmal differenzieren. Ja, so einfach ist es nicht. Es lässt sich manches sehr leicht sagen, und ich habe dafür sehr viel Zeit, ich habe die ganze Nacht Zeit darüber nachzudenken, außer ich schlafe. Es gehen mir so viele Dinge durch den Kopf, ich komme glaube ich ganz, ganz selten zu einer endgültigen Beurteilung, weil ich häufig denke, dass mir das nicht zusteht, ein endgültiges Urteil.

Du hast für die Friedensfilmpreis-Jury immer auch junge Filmemacher gewonnen, die du im Bali-Kino kennen gelernt hast. Kommen junge Filmemacher zu dir, wenn du ihre Filme zeigst und auch sonst?
Ja, die kommen, die sprechen mich an. Sie rufen an und sagen sie würden gerne im Bali-Kino ihren Film zeigen und bieten an dann auch zu kommen - was ich immer verrückt finde, weil das Bali-Kino ist nach wie vor in Zehlendorf, am Ende der Welt.. Mit den Diskussionen nach Filmen habe ich immer ein bisschen Probleme gehabt. Ich habe natürlich auch am Anfang schlechte Erfahrungen gemacht, weil ich mehr Leute auf dem Podium sitzen hatte als Publikum im Saal war. Und so in den letzten drei, vier Jahren habe ich dann gedacht: Probier's doch einfach mal wieder. Junge Leute, die haben dann gesagt, ach mir ist es wurscht, ob da Leute kommen. Völlig verrückt. Die sagen, ich finde das toll, wenn er bei dir läuft, und das ist doch eine tolle Diskussion. Manchmal ist es auch einfach die Einstellung. Da kommt ein junger Regisseur, und der bringt schon so seine ganze Energie mit, und sagt, das finde ich toll, das Publikum bei Dir mal kennen zu lernen, lass es uns doch probieren. Und ich war dann auch ganz locker und dachte, ja, mal sehen, gucken. Und plötzlich saßen da 50, 60 Leute drin und es gab eine unglaublich spannende Diskussion. Das habe ich jetzt mehrfach erlebt, ganz toll. Und seitdem, glaube ich, hat das Kino nochmal einen Schritt nach draußen gemacht.

Wie erfährst Du von den Filmen die du spielst, gerade wenn sie keine Mainstream-filme sind?
Ich lese ganz, ganz viel, auch im Internet, klar. Ich rufe halt bestimmte Themen auf und versuche darüber Filme zu finden. Ich habe mehrere Filmzeitungen die ich lese, den evangelischen und den katholischen Filmdienst, das sind für mich die wichtigsten, am wichtigsten der Filmdienst der katholischen Kirche, den gibt es glaube ich seit 1965.

Kannst Du Kriterien benennen, mit denen du einen Film beurteilst?
Zunächst gehe ich natürlich von den Inhalten aus. Wenn die Inhalte mich irgendwie ansprechen, und ich finde sie wirklich so dass ich denke, eigentlich muss man sich diesem Thema widmen, dann nehme ich Kontakt mit dem Verleiher auf, ich bin ja immer darauf angewiesen, mit Verleihern zu arbeiten und versuche a) natürlich eine Sichtungskopie zu bekommen, und falls sie noch anderes Material darüber haben, dass ich das bekomme. Und dann versuche ich mir langsam ein Bild zu machen. Also ich suche möglichst nicht Filme die mit der Klatsche arbeiten, soweit ich das beurteilen kann. Es geht ja immer danach, das ist sehr persönlich, ja, die auch immer eine gewisse Distanz zu dem Thema haben, aber das was sie behandeln mit Respekt behandeln. Also nicht so dass sie sagen: wir wollen dieses Thema jetzt durchsetzen, wir finden es wichtig. Aber dann hat es schon wieder etwas Ideologisches. Und da ich weiß, aus einer  Zeit, wo die Ideologie auch viele Annäherungsversuche oder Gespräche kaputt gemacht hat oder nicht möglich gemacht hat, bin ich so ein bisschen Ideologie-geschädigt. Ich denke, wenn wir etwas schaffen sollten mit den Filmen, die wir finden, und es gibt ja unglaublich viele Filme die man spielen könnte, leider reicht dazu das Jahr und auch der Monat nicht aus, muss es etwas sein, was ich am Anfang sagte, was uns berührt, aber so berührt dass man auch nachvollziehen kann. Das es auch nicht nur Behauptungen sind, man muss es auch nachvollziehen können. Ja, das ist nicht nur einfach ... Sagen wir mal, wenn's schlecht recherchiert ist dann bringt mir der Film gar nichts.

Welchen Film würdest Du selber gerne mal drehen?
Da muss man wissen: mein wichtigster Regisseur ist Andrej Tarkowski. Er hat diese Elemente der Poesie, der Gesellschaftskritik, der sehr subtilen Wahrnehmung von Lebensschicksalen, und dann eben seine unglaublichen Bilder. Sowas würde ich gerne selber mal machen. Es gibt ein Gedicht von Tarkowskis Vater. Das zu verfilmen reizt mich, den Text unterzulegen und dazu Bilder der Dinge mit denen wir umgeben sind, die uns alle unglaublich bewegen, beschäftigen, denen wir nicht entkommen.
Es ist eine Textstelle aus einem Buch. Die habe ich jahrelang immer im Portemonnaie getragen, dann war das Papier so abgegriffen dass man es nicht mehr lesen konnte. Ein Stück aus diesem Gedicht habe ich immer im Kopf. Ich wohne auf einem Bauernhof mit großem Garten, und da habe ich einen verdorrten Baum, den gibt es im Übrigen auch in Tarkowkis "Opfer". Da hängt ein langes Stück  ganz dünnes Holz runter, da habe ich das Gedicht draufgeschrieben, das weht so im Wind,
" Wir alle stehen schon am Rand des Meeres. Ich bin bei denen, die die Netze wählen, wenn wie ein Schwarm zieht die Unendlichkeit."

29. Januar 2015 in Berlin
Die Fragen stellten Ulla Gorges und Martin Zint.