Sonntag, 25. Oktober 2020
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Laudatio auf "In this World"

von Andreas Dresen

Dresen

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich war, zugegeben, etwas skeptisch, als mich Marianne Wündrich-Brosien von der Friedensfilmpreis-Jury bat, heute hier die Laudatio für den Preisträger zu halten. Vor allem deshalb, weil ich ja nicht wusste, welchen Film die Jury auswählen würde. Und ich knüpfte die Angelegenheit an die Bedingung, dass mir der Film natürlich gefallen müsste, sonst könne ich ihn ja irgendwie auch schlecht loben. Nun, diese Verabredung war überflüssig, wie sich nun zeigt, denn über die Wahl von Michael Winterbottoms Film „In this world“ bin ich mehr als glücklich. Danke der Jury für diese Entscheidung!

Es ist wohl auch das erste mal in der 18-jährigen Geschichte des Friedensfilmpreises, dass der gewählte Film auch gleichzeitig den ja auch nicht ganz unwichtigen Goldenen Bären erhält...

In der Berichterstattung darüber wurde immer wieder betont, dass es sich dabei um einen politischen Preis handeln würde. Ich finde das zwar verständlich, aber letztlich wird eine solche Akzentuierung der Sache nicht ganz gerecht, denn vor allem ist Michael Winterbottoms „In this world“ erst mal ein sehr, sehr guter Film! Und nur deshalb kann er auch eine politische Wirkung entfalten.

Als ich vor ein paar Jahren noch selbst Mitglied in der Friedensfilmpreisjury war, haben wir uns des öfteren darüber gestritten, welche Kriterien denn nun ein Film erfüllen müsse, der diesen Preis bekommt.
Aus dem Osten kommend hatte ich naturgemäß eine gewisse Skepsis gegenüber propagandistischer Filmkunst, aber es zeigte sich schnell, dass es mit dem Preis um etwas ganz anderes ging.

Im Glanz und Glamour der Filmfestspiele, in der so häufigen Selbstgefälligkeit und Kommerzialität ist die Friedensfilmpreis-Jury auf der Suche nach einem Film, der neben künstlerischer Qualitäten auf ganz besondere Weise Gefühlstiefe, Humanismus und soziales Engagement vereint und somit die besten Traditionen der Filmgeschichte weiterführt. Es geht um einen Film, der seinen friedlichen Anspruch durch Herzensbildung realisiert, der den Zustand dieser Welt mit künstlerischen Mitteln, ohne falsches Pathos oder Didaktik beschreibt, einen Film also, der die Wahrheit über menschliches Zusammenleben zu einem großen und berührenden Kinoerlebnis werden lässt.

Es zeigt sich in diesen Tagen wieder ganz besonders, wie wichtig solche Filme sind und dieses Festival hatte Gott-sei-Dank einige davon zu bieten. Der Zustand der Welt lässt es nicht zu, sich unpolitisch zu verhalten und das Feld den Politikern zu überlassen.

Ich habe mich jedenfalls wahnsinnig gefreut, wie viele wir waren, gestern in Berlin, Rom, Sydney, New York, London und vielen anderen Städten überall auf der Welt. So viele, wie ich es zuletzt am 4. November 1989 in Berlin erlebt habe. Was für eine Hoffnung, dass Menschen sich verantwortlich fühlen, gegen den Zynismus von Regierungen aufzustehen, die wirtschaftliche Interessen vor das Leben von Menschen stellen.

Ein Krieg im Irak würde nicht nur Tod und Zerstörung für eine ohnehin schon verarmte Region bedeuten, sondern auch wieder hunderttausende Menschen zur Flucht aus ihrer Heimat zwingen. Und was das bedeutet, führt Michael Winterbottoms Film auf erschütternd konkrete Weise vor.

Sie kennen die Situation: man sitzt mit Freunden in einem Restaurant beim Essen, da tritt eine dieser abgerissenen Gestalten an den Tisch und will etwas verkaufen: Blumen, Freundschaftsbänder oder irgendwelche Schnitzereien. Man fühlt sich irgendwie gestört, belästigt, empfindet das ganze als Nötigung. Manchmal kauft man etwas, um Ruhe zu haben, auch vor dem eigenen Gewissen. Es ist leicht, sich danach wieder dem Essen und der Konversation zuzuwenden, weil man hinter dem Gesicht in dem Moment zum Glück nicht das Schicksal des Menschen sehen kann, der dort an den Tisch getreten ist.

Das ist eine der Szenen in Michael Winterbottoms Film, die uns auf erschreckende Weise den Spiegel vors Gesicht halten. Als Jamal, einer der beiden Hauptfiguren aus „In this world“ in einem italienischen Küstenort an die Tische der Restaurants tritt, haben wir ihn bereits auf einer langen Reise begleitet und kennen das Schicksal hinter dem Gesicht. Und die Kenntnis dieses Schicksals lässt unser eigenes Verhalten in solchen Situationen in einem veränderten Licht erscheinen. Plötzlich sind sie da, die so oft verdrängten, unbequemen moralischen Fragen.

Michael Winterbottom braucht nicht viel, um diese Fragen zu stellen. Sein Film folgt einer so einfachen wie überzeugenden Dramaturgie. Es ist die Dramaturgie des Lebens, der Realität einer Region, die die Narben des Krieges trägt.

Die Bombardierung Afghanistans durch die Amerikaner hat eine riesige Zahl von Menschen in die Flüchtlingslager nach Pakistan getrieben. Eine Millionen von ihnen leben alleine in Peshawar, gleich hinter der Grenze. Dort beginnt Michael Winterbottoms Film, im lakonischen Tonfall einer BBC-Reportage, mit dokumentaren Bildern und einem Sprecher der die so nüchternen wie harten Fakten vermittelt. Noch bleibt alles in Distanz, wie im Fernsehen, man blickt auf die Menschen, nicht in sie hinein.

Jamal und Enayat sind Vettern und schlagen sich in Peshawar durch. Wie alle träumen sie von einem besseren Leben, von einem Leben, das eine Zukunft jenseits von Krieg und Vertreibung kennt. Und Enayat soll die Reise in dieses bessere Leben antreten. Angeblich ist es in London zu finden. Aber Enayat kann kein englisch und so wird er von dem jüngeren Jamal begleitet.

Der Weg ins gelobte Land führt tausende Kilometer über den Iran, die Türkei, Italien und Frankreich. Gebirge, Meere und scharf bewachte Grenzen sind zu überqueren. Michael Winterbottom zeigt uns diese ganze beschwerliche und oft entwürdigende Reise in aller Ausführlichkeit. Dabei sieht sein Film häufig wie ein Dokumentarfilm aus und erzeugt damit eine Kraft, wie sie im gegenwärtigen Spielfilm ihresgleichen sucht.

Immer wieder sind Jamal und Enayat auf die kostspielige Hilfe von Schleppern angewiesen. Leider verrät der Film nicht, woher das Geld für diese aufwändige Reise stammt. Dafür aber schildert er die bis über das erträgliche Maß hinausgehenden physischen und psychischen Strapazen der Protagonisten. Sie sitzen tagelang auf staubigen Ladeflächen von Lastwagen oder steigen bei klirrender Kälte über die schneebedeckten und scharf bewachten Berge des kurdischen Grenzgebietes zur Türkei. Die Bilder davon, mit Infrarotkamera aufgenommen, vermitteln einen vehementen Eindruck von der Physis des Vorgangs. Michael Winterbottom findet immer adäquate filmische Mittel, um seine Geschichte glaubhaft zu erzählen.

Dabei sind es nicht die Hochglanzbilder des kommerziellen Kinos, es sind raue Bilder aus einer rauen Wirklichkeit, die gerade deshalb eine extreme emotionale Wirkung entfalten. Lediglich der Soundtrack mit seiner manchmal für mein Empfinden zu bombastischen Musik bricht manchmal diese Erzählhaltung, ohne den Film aber dabei insgesamt zu beschädigen.

Die Reise von Istanbul nach Italien treten die Protagonisten gemeinsam mit anderen Flüchtlingen auf dem Seeweg im Container eines Lastkraftwagens an. Über 40 Stunden dauert die Fahrt und wer diese Szene gesehen hat, wird sie wohl niemals mehr vergessen können.

Am Ende des Filmes ist Jamal in London angekommen. Das Ziel seiner Wünsche ist desillusionierend trist. Die scheinbar bessere Welt ist kühl, die Menschen sind mit sich beschäftigt. Und es gibt keinen Platz für solche wie Jamal. In einer lakonischen Schrifteinblendung erfährt man, dass er ausgewiesen wird, sowie er volljährig ist. Dann wird die Reise, für die er auf dem Hinweg viele Wochen unendliche Beschwernisse und Gefahren auf sich genommen hat, nur wenige Stunden dauern – mit dem Flugzeug.

Und wir, wir können wieder in Ruhe so weiter leben wie bisher, ungestört vom Elend anderer und müssen nichts abgegeben von unserem Wohlstand.

Im Herbst vergangenen Jahres bin ich zum ersten mal in meinem Leben nach Indien gereist. Ich hatte eine Einladung zu einem Filmfestival. Auf dem nächtlichen Weg zu meinem klimatisierten Hotel in Bombay sah ich die Menschen am Straßenrand auf dem nackten Boden schlafen. Sie legten sich einfach dort hin, wo ihr Weg sie am Ende des Tages hingeführt hatte. Graubraune Gestalten, kaum als Menschen zu erkennen, eher abgelegte Bündel am Wegesrand. Über viele Kilometer.

Am Tag meiner Rückreise fuhr ich mit einem offenen, motorisierten Rikscha-Taxi vom nationalen zum internationalen  Flughafen in Bombay. Das sind nur ein paar Kilometer. Es war später Abend und ich hatte mir bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Gedanken darüber gemacht, warum weiße Europäer in Bombay eigentlich keine Rikschas benutzen. An der ersten Kreuzung, wo wir halten mussten, sollte ich es erfahren.

Es dauerte nur wenige Sekunden, bis ungefähr 15 bettelnde Kinder um das offene Fahrzeug standen, die Hände aufhielten und an mir herumzupften. Ich wusste nicht, was ich tun soll. Indische Kollegen hatten mir dringend geraten, bettelnden Kindern nichts zu geben, weil sie häufig von ihren Familien instrumentalisiert werden und dadurch nicht zur Schule gehen. Die Kinder waren durchaus fröhlich und gar nicht devot,  lachten mich an und strahlten eine Kraft und einen Optimismus aus, der mir so gar nicht zu ihrer schwierigen Lage zu passen schien. Und ich? Ich saß defensiv in meiner Rikscha, hielt meine Sachen fest und war plötzlich der hässliche, reiche Europäer, der ich nie sein wollte und der mit einem Schlag begreifen musste, dass Wohlstand nicht unbedingt glücklich macht.

Hilflos kramte ich eine Schokolade raus, die ich noch dabei hatte. Eine Schokolade für 15 Kinder. Es war ein Dilemma ohne Ausweg. Was auch immer ich tat, alles schien irgendwie falsch. Etwas geben, um sein Gewissen zu beruhigen? Nichts geben und damit  nicht wenigstens diesen paar Kindern helfen? Mir schien das Warten an der Kreuzung endlos. Als wir endlich weiterfuhren, winkten die Kinder überschwänglich hinterher und mir ging es elend. Wenig später saß ich im Flugzeug, dass mich nach Hause brachte in meine scheinbar so heile Welt und es beschämte mich, dass ich darüber auch irgendwie erleichtert war.

Wieder angekommen in Berlin musste ich dann feststellen, dass mein Auto geklaut worden war. Ich stand mit meinem Gepäck auf der Straße und musste lachen. Es war eine aberwitzige Situation. Eben noch hatte ich über die ungerechten Verteilungsverhältnisse nachgedacht und schon war die Umverteilung in vollem Gange. Ich fand und finde es irgendwie tröstlich, mir vorzustellen, dass mein Auto jetzt irgendwo in Osteuropa herumfährt.

Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass Menschen zu uns kommen, um ihren Teil vom großen Kuchen abzubekommen. Es ist ihr gutes Recht. Auch wenn es die so verpönten wirtschaftlichen Gründe sind, die sie zur Flucht treiben. Auch wirtschaftliche Gründe sind existentieller Natur. Die großen Migrationsbewegungen auf der Welt sind Folge ungerechter Verteilungsverhältnisse. Wir können das nur ändern, indem wir unser Leben ändern, indem wir die Gesellschaft verändern, in der wir leben. Kleiner ist es leider nicht zu haben.

Wir stehen mit Sicherheit erst am Anfang von Verteilungskämpfen ungeahnten Ausmaßes. Wachsende ausländerfeindliche Ressentiments sind die Folge. Die Menschen haben Angst, etwas abgegeben zu müssen, sie verteidigen ihre Besitzstände. Man darf das nicht vorschnell nur  verurteilen und auch die durch Migration verursachte Kriminalität sollte nicht totgeschwiegen werden.  Sie ist nun mal ein Fakt. Man ist nicht ausländerfeindlich, wenn man feststellt, dass viele Flüchtlinge kriminell werden. Sie sind Menschen. Sie kämpfen um ihre Existenz.

Auch darüber erzählt Michael Winterbottoms Film, wenn er zeigt, wie Jamal einer Touristin ihre Handtasche klaut. Ich konnte das gut verstehen und habe an dieser Stelle des Filmes nur gehofft, dass er dabei nicht erwischt wird.

Ich danke Michael Winterbottom für diesen wunderbaren Film! Dieser Film hat mich beschämt. Ich drehe selbst Filme und bin nicht nach Afghanistan oder Pakistan gereist, um mich mit der Situation der Kriegsopfer zu beschäftigen. Ich bin einfach nicht auf die Idee gekommen. Kein deutscher Regisseur ist auf die Idee gekommen. Vielleicht ist unser Blick zu sehr auf die eigene Welt fixiert. Vielleicht fühlen wir uns zu sicher. Vielleicht denken wir zu oft, das ginge uns alles nichts an. Und das macht unsere Kunst dann klein. Zu klein für die Probleme auf dieser Welt, „in this world“. Dieser Film hat mir wieder gezeigt, was es heißt, ein Gewissen zu haben. Danke für diese erschütternde Lektion.

Potsdam, 16.2.2003  /  Andreas Dresen

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