Sonntag, 25. Oktober 2020
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Laudatio auf "Die Zeugen"

von Pepe Danquart

Pepe Danquart

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin eigentlich nicht wirklich ein Redner. Fühle mich wohler beim Beobachten und weiß mich filmisch besser auszudrücken als mit Worten. Mir fehlt mit Sicherheit, die Geschliffenheit des rhetorisch gewandten Politikers oder die gewandte Prosa des Schriftstellers. Dennoch habe ich zugesagt, diese Laudatio zu halten auf einen Preis, den ich vor Jahren selbst entgegen nehmen durfte.

Es war damals eine Auszeichnung, die mir mehr bedeutet hat als manch anderer Preis, der in dieser Branche (und damit für die weitere Karriere) weit größeres Renommee und Bedeutung besitzt, wie der deutsche Filmpreis oder der Goldene Bär zum Beispiel. Er hat mir mehr bedeutet, weil er ein Preis für eine Haltung ist. Zur Welt und ihrem Zustand. Weil er Respekt ausdrückt für den Mut, sich damit auseinander zu setzen ohne den kommerziellen Gedanken im Vordergrund zu haben. Weil er ausdrückt, dass andere Menschen diese Haltung erkennen in dem, was man tut. Ich will dies kurz erklären:

Die Entscheidung, in den Krieg zu fahren, um einen Film zu drehen, fällt niemandem leicht. Ihn auszuhalten nicht minder. Ich tat es 1994 bis 1996, im nahen Bosnienkrieg, obwohl ich hier im satten Land des Wohlstands und des scheinbaren Friedens alles tun konnte, was ich mir nur wünschte. Und doch trieb es mich in einen Krieg, den ich nicht verstand. Weder den Grund, warum er entstand. Noch dessen Geschichte. Noch nicht einmal die Sprache der Leute, die ihn führten, beherrschte ich. Aber raushalten wie viele, konnte ich mich damals eben auch nicht. Ich wollte verstehen. Und das konnte ich nur, in dem ich hinfuhr, und mich mit den Menschen konfrontierte, die die Folgen eines solchen Krieges zu tragen haben: die Mütter, die Kinder, die Alten, die Jungen. Unschuldig involviert in einen Krieg, der mitten durch die Familien ging, der lange Freundschaften im Zeitraum eines Wimpernschlages zu Feindschaften machte. Der zum Brudermord, Verrat und Vergewaltigung verleitete aus nichtigem Grund: die ethnische Herkunft. So muss es in Hitlers Deutschland mit den Juden gewesen sein, dachte ich mir damals. Lange Freundschaften, Bekanntschaften, Beziehungen mit einem Stern am Fenster oder an der Jacke besiegelt. Als ob es sie nie gegeben hätte. Ich wusste das alles aus Erzählungen oder aus Geschichtsbüchern, begreifen konnte ich es trotzdem nicht. Und genau das  wollte ich, als ich diese zwei Jahre nach Mostar fuhr, um einen Film zu drehen. Begreifen. Es entstand „Nach Saison“. Und als er den Friedensfilmpreis bekam, wurde mir klar, dass auch andere Menschen dieses Suchen nach Begreifen in diesem Film verstanden hatten.
Deshalb hat dieser Preis für mich so eine wichtige Bedeutung. Und deshalb habe ich mich darauf eingelassen, die Laudatio heute zu halten.

Natürlich war ich gespannt auf den Film, der ihn gewinnen wird. Fragte mich, ob er mir gefallen wird, mich berühren. Ob  ich die Beweggründe verstehen könnte, warum er gemacht wurde. Als ich dann gestern „DIE ZEUGEN“ sah, war ich im ersten Moment sehr betroffen. Wieder war ich konfrontiert mit diesem Krieg in Bosnien-Hercegowina, sofort war ich nicht mehr nur Zuschauer. Ich war wieder unmittelbar involviert. Ich fühlte mich zurück geschmissen in die Zeit, die ich dort verbrachte. Und verstand.

„DIE ZEUGEN“ ist ein Kriegsfilm. Zumindest ein Film, der im Krieg spielt. Kein Film, der Krieg heroisiert. Ein Film, der die fatalen Folgen eines Krieges für den Einzelnen im Focus seiner Handlung hat.  Der die seelischen Abgründe und Verirrungen von Menschen, die Verzweiflung einzelner zum Thema hat. 

Ein Film, der Traumata aufarbeitet. Eigene und kollektive.

„DIE ZEUGEN“ ist Vergangenheitsbewältigung mit offenem Visier. Ein Film, der heraus musste aus den Körpern derer, die ihn machten. Um Frieden zu finden im Herstellen eines Films. Ein Film, der provozieren muss im eigenen Land. Zumindest jene, die bis heute nichts aus diesem Wahnsinn der letzten Jahre dort – im ehemalig ethnisch vereinten Jugoslawien – gelernt haben.

„DIE ZEUGEN“ ist darüber hinaus ein Kunstwerk in Form, Rhythmus und Gestaltung. Der Film erzählt seine Geschichte in nicht linearer Folge. Es kam mir vor wie ein langsames Verstehen. Ein Blick zurück nach vorn. Wie ein Puzzle, dessen Einzelstücke vor einem liegen, die man nun zusammenfügen muss, damit ein Bild entsteht. Ein Partikel der Wahrheit, ein Aspekt der Geschichte nach dem Anderen. Immer neue und verschiedene Aspekte der selben Geschichte. Immer wieder Verirrungen. Erst am Ende des Films, durch das Zusammenfügen aller Aspekte und Perspektiven der Beteiligten, wird die geballte Wucht dieser Geschichte als Ganzes klar. Grausame Wahrheiten sind verstanden.

Erst im Rückblick ist verstehen möglich.

Ich verbeuge mich voller Respekt vor dem Mut und der Courage derer, die diesen Film auf den Weg brachten: vor dem Regisseur und Autor Vinko Bresan, seinen Co-Autoren Jurica Pavicic (auf dessen Roman „Nachtbus nach Triest“ auch das Drehbuch basiert) und seinem Freund Zivco Zalar, der dann auch noch die Kamera führte. Vor Sandra Botica Bresan, die für den Schnitt verantwortlich  war, wie vor dem Produzenten Ivan Maloca.

Mir ist bewusst, wie viel Mut es brauchte, diesen Film in Kroatien so kurz nach diesem Alptraum und den noch immer vorhandenen Wunden in den Herzen der Menschen herzustellen. Auch wenn ich es nicht wirklich weiß, nur die Namen mir Hinweise geben, ist dieser Film so etwas wie ein fast vergessenes „cinema coupain“: Mit Freunden, mit Familie und Gleichgesinnten einen Film drehen, den niemand will. Ein Film der gemacht werden musste. Kein komerzielles Interesse im Vordergrund. Ein Schrei gegen den Krieg. Nicht nur gegen den, der miterlebt wurde. Gegen den Krieg im Allgemeinen.

Somit ist „DIE ZEUGEN“ ein wirklicher Anti-Kriegsfilm ohne den amerikanischen Impetus, ihn im selben Moment zu heroisieren. Er gibt dir keine Möglichkeit, auch nur eine Winzigkeit von Faszination in einem solchen Wahnsinn zu entdecken. Er zeigt brutal und intelligent die zwingende und unabwendbare Konsequenz eines jeden Krieges: Leid, Tod, Depression, Hoffnungslosigkeit, eine Zukunft ohne Perspektive. Er individualisiert Krieg durch die Konzentration auf wenige. Er zeigt keine Schlachten. Er gibt uns die Möglichkeit zu verstehen: Die Verflechtungen. Die zwischenmenschlichen Tragödien. Diese Abgründe des Grauens in den Seelen dieser Menschen.

Am Anfang des Films Militärfahrzeuge. Drei Soldaten in einem Auto. Eine Frau in Trauer. Ein Attentat. Eine Beerdigung. Elegische Kamerafahrten. Noch ist nicht mehr zu verstehen als Kriegsalltag irgendwo in Bosnien, Serbien, Kroatien. Menschen werden eingeführt. Ein Kommissar. Eine Journalistin. Soldaten mit verschlossenen Gesichtsausdrücken. Ein Kriegsinvalide. Eine Frau im Koma. Ein Chirurg mit politischem Amt. Kriegsalltag.
Am Ende dann eine verzweifelt verflochtene Tragödie aller. Miteinander. Jeder auf seine Weise allein und in der eigenen Hölle. Ob sie nun noch leben oder sich mit Handgranaten im Mund diesem Leben sich entzogen haben. Ob sie wieder an die Front zurück fahren oder ihren Söhnen dabei nachschauen in der Gewissheit, dass sie nicht zurückkommen werden, wie sie weggegangen sind. Wenn sie überhaupt wieder kommen.

Die Struktur des Films ist neu. Keine linear narrative Erzählung. Er zeigt uns zu Beginn nur Aspekte des Geschehens. Wie sich rausstellen wird sind es Teilaspekte. Das  fordert Denkarbeit vom Zuschauer. Konzentration. Eine  nebenbei Konsumation ist nicht möglich. Um (die Geschichte) zu verstehen, musst du dranbleiben. Dann plötzlich die Wiederholung einer Szene, aus einer anderen Perspektive. Ein anderer Aspekt. Erst im Laufe des Films wird klar, dass dies Struktur ist. Immer wieder Splitter von Gesehenem, bis dahin nicht Verstandenem. Immer wieder aus einem anderen Teilaspekt des Ganzen. Wie ein langer Rückzoom kommt mir das Ganze vor. Ein Detail nur in der langen Brennweite zu Beginn. Dann immer mehr Teilaspekte der Umgebung erkennbar. Am Ende des Films – imaginierten Rückzoom als Bildmetapher: die Totale – das ganze Ausmaß der Tragödie. Die Verflechtung aller miteinander.

Eine solche filmische Struktur ist intelligent und neu. Und für diesen Film mehr als angebracht. Sie macht mir klar, wie langsam das Aufarbeiten eines erlebten Krieges sein muss. Sie ist synonym für das Begreifen durch Verarbeiten.

Es gab eine Einstellung, ein Bild in diesem Film, die mich extrem berührte bzw. mir sich als Metapher einprägte, wohin ein solcher Wahnsinn führen kann.

Es war dieses Bild der Waffe, gerichtet auf den eigenen Bruder, im Begriff, ihn zu töten. Auf den älteren Bruder, der ihn zeitlebens immer beschützte, den er in diesem Krieg zum Krüppel machte. Der Bruder, der sich nun vor ihn stellt, um ein anderes Leben zu retten. Das Leben eines unschuldigen Kindes.

Eine Einstellung, ein Bild,  das Allgemeingültigkeit besitzt. Für Bürgerkrieg. Für Krieg. Das ist in Spanien 1936 nicht anders gewesen als heute in Afghanistan. Oder im Irak.  Oder eben vor wenigen Jahren noch vor unserer Haustür auf dem Balkan im ehemaligen Jugoslawien. Die Waffe auf den Kopf des Bruders gerichtet, um zu töten, damit man überlebt. Die Augen verschlossen vor den Toren der Konzentrationslager, um nicht selbst dort zu landen. Die Stimme verstummend beim Anblick des Meuchelmords – um nicht selbst gemordet zu werden. Den Anderen aufgeben, um nicht selbst unterzugehen.

Dagegen, auch im Bild verkörpert durch den älteren Bruder, der Mut einzugreifen. Zivilcourage zeigen im Anblick des Unrechts. Aufforderung an jene, die verstehen.

Wenn mir auch das kitschige Bild der drei Aufrechten (der Frau, die liebt, der verkrüppelte Bruder in seiner stummen Weisheit und das gerettete Kind) im Gegenlicht der unter- oder aufgehenden Sonne am Horizont am Ende des Films eigentlich so überhaupt nicht behagt, konnte ich mich der kleine Geste der Inszenierung, wie das Kind die Hand des Mannes greift, der ihr das Leben gerettet hat, nicht entziehen. Es berührte mich. Ließ ein wenig Hoffnung ins Herz. Nach 90 Minuten Tristesse.

Ich will gar nicht fragen, wie es sich anfühlt, einen solchen Film in einem Festival wie der Berlinale zu zeigen. Wie es sich anfühlt, auf die Arroganz der Geldes, auf den Wanderzirkus der so scheinbar Wichtigen der Filmbranche  zu stoßen. Im Kontrast des Glamours sich mit Gefühlen zu behaupten, die gelebt sind.  Auf die Schnelllebigkeit der Filmwirtschaft zu prallen, die in dieser Branche der Takt des Existierens ist. Ich erinnere mich selbst an jenen Moment, als ich mich plötzlich 1995 beim Filmfestival in Cannes wieder fand, herausgerissen aus den Dreharbeiten im Krieg. Damals in Bosnien. In Gedanken noch immer bei jenen, die dort geblieben sind im Krieg. In ihren Trümmern. Weil sie nicht die Möglichkeit hatten, einfach weg zu gehen und dann wieder zu kommen. Ich hielt es genau einen Tag aus  auf diesen Filmfestspielen in Cannes, um dann wieder abzureisen. Der erlebte Kontrast damals konnte nicht größer sein. Dort das Elend des Krieges, hier der oberflächliche Glamour der Stars und Sternchen, die ihn gar nicht wahrnahmen. Ihn nicht wahrnehmen wollten. Auch wenn er gerade nebenan stattfand.

Umso mehr freue ich mich, heute einer Jury zu danken, die sich anderen Maßstäben verpflichtet fühlt. Die Menschlichkeit und dem immer wieder notwendigen Kampf für dieselbe als wichtigstes Handlungsprinzip im Leben achtet. Die Respekt hat vor jenen, die sich trauen, solche Filme zu drehen.

Und ich freue mich über die Entscheidung für einen Film, der diesen Preis auf Augenhöhe verdient hat. Ich bedanke mich bei jenen, die ihn gemacht haben. Stellvertretend bei ihrem Regisseur Vinko Bresan.

Ich sagte es bereits an anderer Stelle: Dieser Preis, diese Auszeichnung ist für Viele, und nicht nur für die, die ihn bekommen, vielleicht bedeutungsvoller als ein Goldener Bär auf diesem Festival.
Weil es um etwas geht. Um etwas Großes. Um Menschlichkeit. In dem, was man tut.

Ich bedanke mich fürs Zuhören.


Pepe Danquart, 15. Februar 2004

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