Sonntag, 25. Oktober 2020
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Kinder aus Hass

von Simone Schmollack

Kinder aus Hass
Jasmila Zbanics Spielfilm »Esmas Geheimnis – Grbavica«, auf der Berlinale 2006 dreifach preisgekrönt und jetzt in unseren Kinos, erzählt von den Folgen der Massenvergewaltigungen im Bosnien-Krieg 

Es sind vor allem die leisen Szenen, die den Film ganz laut machen: Wenn die Kamera über die Gesichter der Frauen wandert und diese die Augen schließen. Es ist unklar, ob sie es aus Müdigkeit tun oder weil sie die Vergangenheit aus ihrem Gedächtnis jagen wollen. Eine Vergangenheit, die hartnäckig ist und die immer wieder an die Oberfläche dringt. Sie ist stärker als vieles andere, was die Frauen erlebt haben. Denn sie heißt Massenvergewaltigung.

Jasmila Zbanic hat eines der schlimmsten Schicksale, das einer Frau widerfahren kann, glücklicherweise nicht selbst durchlitten. Sie war 17, als sie eine Ahnung davon bekam, was es heißt, bis auf den Grund von Körper und Seele zerstört und gedemütigt zu werden, als sie begriff, wie der Krieg auf dem Balkan direkt gegen Frauen geführt wurde. Aus dem Fenster ihrer Schule hat sie beobachtet, wie unzählige Busse ankamen, aus denen Frauen stiegen, die gebrochen und verkrüppelt waren. So manche von ihnen hat neun Monate später ein Kind geboren. Es waren Töchter und Söhne aus Hass.

Das hat Jasmila Zbanic nicht mehr losgelassen. Zunächst hat sie Dokumentarfilme über die Schicksale der von Serben vergewaltigten bosnischen Frauen gedreht. Bis sie an eine Grenze, an ihre Grenze kam, das dokumentarische Arbeiten nicht weiter zuließ. »Ich hätte es nicht verantworten können, die Frauen noch einmal ihre schlimmsten Erfahrungen durchleben zu lassen«, sagt Jasmila Zbanic. So machte sie sich an einen ersten Spielfilm. »Grbavica« lief auf der diesjährigen Berlinale und hat den Goldenen Bären, den Friedensfilmpreis und den Preis der Ökumenischen Jury gewonnen. Unter dem Titel »Esmas Geheimnis« feiert er am 6. Juli Deutschlandpremiere.

Die 1974 in Sarajevo geborene Regisseurin ist mit dem Krieg groß geworden, sie hat das dumpfe Aufprallen noch im Ohr, das eine Kugel beim Eindringen in einen Körper verursacht. Der Krieg hat sich in Zbanics Leben eingefressen wie ein Virus, gegen das es keine Medizin gibt. Der Krieg ist vorbei, der Nachkrieg aber, der offiziell nicht existiert, lebt für immer in den Frauen und ebenso stark in ihren Kindern fort.

Das Verstummen der Opfer
Davon erzählt »Grbavica«. 1991 hatten Serben in dem Vorort des bosnischen Sarajevo ein Lager errichtet, in dem über Monate hinweg gefoltert und vergewaltigt wurde. Jasmila Zbanic hat zahlreiche der Betroffenen kennen gelernt. Sieben Jahre lang hat sie recherchiert. Sie hat die Frauen befragt, sie zu Ärzten und in Therapiezentren begleitet. Sie hat deren Töchter und Söhne kennen gelernt, hat sie aufwachsen gesehen und versucht, für den tiefen Konflikt zwischen den Müttern und ihren ungewollten Kindern Worte zu finden. Die Mütter selbst hatten ihre Sprache verloren. Mit jedem Tag, den Jasmila Zbanic den Stoff länger in ihrem Kopf trug, wurde er gewaltiger und mächtiger. Und um so unerträglicher erschien ihr der Gedanke, einen Dokumentarfilm zu drehen. Irgendwann entschied sie sich für das Fiktive auf der Grundlage des Realen.
»Meine fünfjährige Tochter ist aus Liebe entstanden«, sagt die Regisseurin, die mit dem Filmproduzenten Damit Ibrahimovic verheiratet ist. Irgendwann beim Stillen hat sie sich gefragt, wie wohl die Frauen empfinden, die Kinder des Hasses geboren hatten. Und obwohl sie wusste, dass ihre Tochter »Grbavica« nicht vollständig verstehen wird, hat sie ihr den Film gezeigt. Die Mutter wollte, dass das Kind Fragen stellt, dass es von Anfang weiß, in welcher Zeit es groß wird.
Die Traumata des Krieges und das Verstummen der Opfer waren und bleiben das Thema in Zbanics Werken. Derzeit kann sie sich keine anderen Sujets vorstellen, sagt sie. »Es ist längst nicht alles gezeigt und gesagt. Vor allem sind es immer die Frauen und Kinder, die am Krieg leiden.« Ihr erster Kurzfilm (1997) heißt »Posilje, posilje« (»Danach, danach«) und handelt von einem Mädchen, das vom Krieg traumatisiert ist und sich in eine Phantasiewelt flüchtet und schweigt. Minutenlang hält die Kamera auf das Mädchen, das nichts tut. Bis an die Grenze des Erträglichen blickt man in das Gesicht des Kindes und dringt so bis auf den Grund seines Schmerzes vor.

Mit dem Dokumentarfilm »Crvene gumene cizme« (»Rote Gummi-stiefel«) folgt 2002 die Fortsetzung. Zbanic begleitete die Arbeit der »Kommission für die Suche nach verschwundenen Personen«. Fast immer sind die Totgeglaubten in Massengräbern verscharrt und nach so vielen Jahren nur noch an Details identifizierbar, die nicht verwesen. Eine Mutter sucht nach ihrer entführten und ermordeten Tochter, das heißt, sie sucht nach den roten Gummistiefeln, die diese einmal getragen hatte. In »Grbavica« verheimlicht Esma ihrer zwölfjährigen Tochter Sara, dass diese das Produkt einer Vergewaltigung ist, und erzählt ihr stattdessen, der Vater sei ein »shaheed«, ein Held, der bei den Kriegshandlungen ums Leben gekommen sei. Zunächst gibt sich Sara damit zufrieden, irgendwann aber will sie mehr wissen. Sie hat sich den Vater zum Märtyrer stilisiert. Sie zwingt ihre Mutter dazu, die Wahrheit preiszugeben. Für die schmerzende Realität finden beide zunächst nur die Gewalt gegeneinander, die sich später aber als eine Befreiung darstellt. »Wer kann schon dauerhaft mit einem so brutalen Geheimnis leben«, sagt Zbanic.

Die Frau mit dem burschikosen Haarschopf und der auffälligen kantigen Brille will erzählen, was unerzählt bliebe, würden es nicht mutige Menschen und Künstler wie sie tun. »Das erste Opfer des Krieges ist die Unschuld«, sagte sie im Februar während der Verleihung des Friedensfilmpreise in der Berliner Akademie der Künste. »Grbavica ist ein kleiner Film aus einem kleinen Land mit einem kleinen Budget.« Fast klingt es wie eine Entschuldigung, dass die Filmemacherin nichts »Größeres« hingekriegt hat. Nach der Filmvorführung saß die schmale, in Schwarz gekleidete Frau auf der großen, in schwarz getauchten Bühne, davor hatten sich Scharen von Fotografen und Fernsehteams versammelt. Mit der Juryentscheidung hatte niemand gerechnet, schon gar nicht die Medien. Im Grunde kannte niemand die unauffällige Frau, über die auch nach der Pressevorführung dieses Wettbewerbsbeitrags kaum jemand ausführlich schrieb. Es wäre übertrieben zu sagen, Jasmila Zbanic sei bescheiden und zurückhaltend, aber sie ist eben doch nicht medienversessen genug, um sich zu inszenieren. Dass sie unerwartet dennoch für Schlagzeilen sorgte, ist nicht ihrem Ego zu verdanken, sondern ihrer »Mission«. Mit dem Goldenen Bären in der Hand hatte sie in die laufenden Kameras und in die offenen Mikros gesprochen: »Es ist beschämend, dass der Krieg in Bosnien vor elf Jahren zu Ende ging und die Kriegsverbrecher Karadzic und Mladic noch immer frei herumlaufen.« Das war ein Vorwurf an die ehemalige jugoslawische Staatengemeinschaft und an Europa, das in Zbanics Augen nicht daran interessiert ist, die beiden vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag angeklagten Führer der bosnischen Serben festzunehmen. Sie werden für die Massenvergewaltigungen nichtserbischer Bosnierinnen während des Krieges mitverantwortlich gemacht.

Als sie einen Abend später in der Akademie der Künste die Fragen des Moderators und des Publikums beantwortete, wusste sie noch nicht, dass sie für ihre Worte schwer büßen würde. Während in Grbavica, jenem Stadtteil von Sarajevo, in dem die Geschichte von Esma und ihrer Tochter spielt, die Menschen vor Freude über den Erfolg des Films auf den Straßen tanzten und zur Premiere allein 4000 Zuschauer kamen, ballte sich andernorts Zorn zusammen. Die Medien der Serbischen Republik in Bosnien überschütteten sie mit Hass und Häme, eine Testvorführung in Banja Luka wurde kurzfristig abgesagt. Die Regisseurin erhielt sogar Morddrohungen.

Kunst kann sichtbar machen
Das hat Jasmila Zbanic jedoch nicht davon abgehalten, ihre Präsentationsreise durch das ethnisch zerfetzte Ex-Jugoslawien fortzusetzen. »Jetzt zu verstummen hieße, die Verbrechen zu dulden«, sagte sie nach der Premiere in Belgrad. Die Aufführung in der serbischen Hauptstadt wurde trotz gefürchteter Proteste serbischer Nationalisten ebenso erfolgreich wie die im bosnischen Sarajevo Anfang März.

Die Lage auf dem Balkan ist kaum zu begreifen, zu beschreiben ist sie wohl noch schwerer. Daran sind selbst namhafte Autoren gescheitert. Und die Politik scheint vollkommen überfordert und reagiert sporadisch und kurzsichtig. Vielleicht kann die Kunst an ihre Stelle treten und Unsichtbares sichtbar machen. Zumindest durch den Film »Grbavica«, vor allem aber wohl durch den Goldenen Bären sind einige der tragischsten Momente des Balkankrieges auf verständliche Weise ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Auch ist der Name Jasmila Zbanic so der ganzen Welt bekannt geworden. Ohne die Aufmerksamkeit, die das Werk durch die Preise erfahren hat, wäre der Film in Deutschland nicht gezeigt worden. Er hätte keinen Verleih gefunden. Jetzt startet er in vielen deutschen Städten – und auch in 20 weiteren Ländern.

 
ESMAS GEHEIMNIS startet in den deutschen Kinos am 6. Juli. Der Filmverleih Ventura begleitet den Start bereits am 2. Juli in Zusammenarbeit mit Medica Mondiale und der Zeitschrift Emma mit einer Benefiz-Previewreihe. Die Hälfte des Erlöses aus jeder Kinokarte sowie Spenden gehen an das zentralbosnische Frauentherapiezentrum Medica Zenica. Jasmila Zbanic wird bei der Preview in Berlin (11.30 Uhr, Delphi), die zugleich Premiere ist, zu Gast sein. Weitere Previews, jeweils 2.7., 11.30 Uhr, in: Bielefeld (Kamera), Bonn (Neue Filmbühne), Bremen (Gondel), Dresden (Programmkino Ost), Frankfurt/M. (Harmonie), Freiburg (Friedrichsbau), Lich (Traumstern), Marburg (Cineplex), München (City), Nürnberg (Cinecitta), Saarbrücken (Filmhaus), Wuppertal (Cinetal).

JASMILA ZBANIC
Die Künstlerin, 1974 in Sarajevo geboren, hat in ihrer Heimatstadt Film- und Theaterregie studiert und als Puppenspielerin in Bosnien und Herzegowina sowie in den USA gearbeitet. Sie schrieb Theatertexte und Kurzgeschichten und gründete 1997 in Sarajevo die Filmfirma Deblokada, mit der sie ihre Filme produzierte. In Deutschland fiel sie zum ersten Mal 2004 in Kassel auf, als innerhalb der aus bildender und darstellender Kunst zusammengesetzten Balkan-Trilogie Zbanics Werkschau »We light the night« präsentiert wurde. Das waren vor allem Videoclips und Kurzfilme.
Auf der diesjährigen Berlinale erhielt ihr erster Spielfilm, »Grbavica«, den Silbernen Bären, den Friedensfilmpreis und den Preis der Ökumenischen Jury.

von Simone Schmollack
(1.7.2006)

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