Sonntag, 25. Oktober 2020
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Laudatio auf "Grbavica - Esmas Geheimnis"

von Ulrich Matthes

Laudatio

von Ulrich Matthes

Ich war in der etwas kuriosen Situation dass ich eine Laudatio halten soll über einen Film, über den eine Jury abgestimmt hatte. Es hätte sein können, dass mir der Film nicht gefällt. Ich habe gefragt, was ich denn dann mache – und es hieß ... ja, dann müssen Sie trotzdem irgendwie ehrlich Ihre Meinung sagen.
So saß ich nun gestern Nachmittag etwas bibbernd vor meinem kleinen 23 Jahre alten Fernseher bei mir zu Hause und war dann sehr froh, dass mich dieser Film wirklich außerordentlich berührt hat. Ich war richtig still, nicht aufgewühlt wie die Jury in ihrer Begründung sagt, ich war eher ganz stumm und still. Ich finde diesen Film ganz, ganz wunderbar. Dachte dann auch so für mich „Mensch, das ist doch ein Kandidat für den Goldenen Bären“. Ich bin dann eine Stunde später zum Berlinale Palast gefahren, Sie können sich denken, ich habe mich dann umso mehr gefreut: dieser Film ist ein würdiger Goldener Bären- und eben auch Friedensfilmpreis-Gewinner. Ich fühle mich geehrt, für diesen wunderbaren Film die Laudatio halten zu können.

Das Wunderbare an diesem Film ist, dass er es nahezu mühelos schafft, mit einer ganz kleinen, quasi puren Geschichte, letztendlich einer Mutter-Tochter-Beziehung, so ein großes politisches Thema, die Wunden, die Narben, die dieser Krieg im ehemaligen Jugoslawien in den Körpern und den Seelen so vieler Menschen aller Generationen hinterlassen hat zu erzählen. Wir haben alle in vielen Filmen diese Konstellation schon gesehen, sie ist eigentlich relativ konventionell, vermeintlich konventionell, so eine überlastete alleinerziehende Mutter mit ihrer pubertierenden Tochter. Die Regisseurin schafft aber hier kleinste, wunderbare Minidramen, über den Film verteilt, die weit über die Konvention einer solchen relativ oft gesehenen Mutter-Tochter-Beziehung in anderen Filmen hinausgeht. Diese Minidramen sind sicher unspektakulär, aber gerade dadurch so besonders berührend. Ich erinnere mich da zum Beispiel an eine Szene, in der die Tochter mehr über ihren Vater wissen möchte und die Mutter, etwas in die Enge getrieben, dann irgendwann die Ähnlichkeit der Haarfarbe konstatiert. Das ist wunderbar beschrieben, wunderbar inszeniert und wirklich grandios von den beiden Schauspielerinnen gespielt.
Überhaupt: diese beiden Schauspielerinnen, die Mutter (Mirjana Karanovic), und die Tochter Sara (Luna Mijovic) öffnen einem das Herz. Und ich hätte mir durchaus vorstellen können, dass auch Mirjana Karanovic den Silbernen Bären für diese Rolle hätte gewinnen können. Beide Schauspielerinnen schaffen es oft nur mit Blicken, in den stummen Momenten dieses Films Außerordentliches zu erzählen. Und die Regisseurin hält es wunderbar aus, oft über lange Passagen. Zum Beispiel während einer Busfahrt, wenn die Mutter die Nähe des Mitfahrers nicht aushält. Oder beim Kauf einer noch lebenden Forelle für die Tochter, weil es deren Lieblingsgericht ist - da ist so ein Blick wenn die Forelle im Laden totgeschlagen wird. Es sind so ganz, ganz kleine Szenen, die enorm viel über die Verwundung dieser Frau erzählen. Alle Figuren in diesem Film strahlen gleichzeitig Härte und Zartheit aus, beides kann auch in den Figuren sehr schnell von einem ins andere umschlagen. Da gibt es so ein Gespräch zwischen der Mutter und ihrer Freundin Sabina über ihre Tochter. Und dann gibt es eine, für mich wirklich einer der Höhepunkte dieses Films, eine tolle Szene von der Tochter mit einem Mitschüler, gerade noch hat sie sich mit ihm auf dem Schulhof geprügelt und jetzt begegnen sie sich in so einer seltsamen kleinen Duellsituation wieder. Beide sind erst mal stumm, und dann wird sich die Tochter das ahnt man schon, doch in ihn verlieben. Diese Annäherung wird in einem einzigen Satz erzählt : der Junge sagt zu dem Mädchen „Mein Vater war auch Märtyrer“.
Und wie das gedreht ist, wie das filmisch aufgelöst ist, vermeintlich ganz konventionell, mit dem Schuss, Gegenschuss – das  ist von einer ungeheuren Kraft und gleichzeitigen Zartheit dieser beiden Figuren, dieser beiden Schauspieler.  Wie sie das spielen, wie das gedreht ist, macht diese Szene für mich zu einem der Höhepunkte dieses Films. Und solche kleinen Situationen, die aber ganz groß sind, gibt es viele in dem Film. Auch der Mann, wunderbar gespielt von Leon Lucev, hat eine schöne Szene mit seiner Mutter. Da geht es um ein Stückchen Brot das die Mutter isst, und dieser harte Mann nimmt ganz, weiche, fast kindliche Züge an.
In diesem Film sind alle Figuren versehrt, versehrt auch durch diesen Krieg. Trotzdem - und das ist die Hoffnung die der Film bei aller Traurigkeit des Themas ausstrahlt, alle Figuren tragen in sich so ein Humanum. Die Regisseurin, Jasmila Zbanic hat ja vorhin gesagt, es sei ein Film über Liebe, das nimmt man deutlich wahr. Obwohl die Figuren so verwundet sind und auch eine bestimmte Härte haben, haben sie die Möglichkeit zur Liebe in sich.
Übrigens hat mich dieser Film auch darin an die Filme von Mike Leigh erinnert, den ich sehr verehre, und an seine Figuren.
Sarajewo - in diesem Film in so ganz schmutzig-grünes trauriges winterliches Licht getaucht durch die Kamerafrau Christine Maier, aber selbst bei so einem kleinen, etwas armseligen Grillpicknick der Mutter mit dem Mann auf den Hügeln über der Stadt leuchten die beiden Menschen auf eine ganz besondere Weise. Dieses Leuchten das neben der Lakonie, neben der Härte der Menschen in ihren alltäglichen Situationen im Job oder in der Schule, in ihrem Kampf doch irgendwie weiter zu machen aufscheint, dieses Leuchten macht die Hoffnung dieses Films aus.

Sie merken, ich gerate doch ins Schwärmen und ich möchte allen Beteiligten, der Regisseurin, den wunderbaren Kollegen, dem ganze Team von Herzen für diesen Film danken. Das europäische Kino hat ein kleines, stilles Meisterwerk mehr. Vielen Dank.

(Abschrift des Rede-Mitschnittes)

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