Montag, 1. Juni 2020
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Laudatio auf "Goodbye Bafana"

von Professor Jutta Limbach

Limbach-Laudatioweb

Der Ort des heute ausgezeichneten Films ist Robben Island, eine ehemalige Leprakolonie, die während der Apartheid als Gefängnis aufständischer Schwarzer diente. Das Gebell der Hunde und der Offiziere soll Assoziationen an Konzentrationslager auslösen. Die eine oder andere Brutalität wie dass sinnlose Steineklopfen deuten die Absicht an, die Gefangenen um ihren Widerstandsgeist, ja um ihr Menschsein zu bringen. Wegen der immer wieder eingeblendeten Bilder von Morgendämmerung über Robben Island geht das angedeutete Schreckensregime nicht so sehr unter die Haut wie es wohl beabsichtigt ist. Wissen wir doch als Zeitzeugen Mandelas, dass alles ein gutes Ende nehmen wird.

Doch mehr als auf die Ästhetik zielt der Friedensfilmpreis auf die Botschaft des preisgekrönten Films. Dieser will seinen Zuschauern und Zuschauerinnen die Idee vermitteln, dass alle Menschen frei und gleich geboren sind. Vor allem in der unbeugsamen und noblen Haltung Nelson Mandelas singt der Film ein Hohes Lied auf die Menschenwürde, die jedem Menschen  - unabhängig von seiner Herkunft und Rasse -  allein kraft seines Menschseins zukommt. In der als Leittext im Mittelpunkt des Filmes stehenden Freedom-Charta heißt es denn auch im Anklang an die erste geschriebene Verfassung: „We, the poeple of South Africa“.

Nelson Mandela ist ohne Zweifel die Person, die alles symbolisch überhöht. Aber der Der Protagonist dieses Filmes ist ein einfacher Mann, ein aufstiegsorientierter Beamter, ein liebender Ehemann und Familienvater. Der Film lässt uns seinen Wandel vom obrigkeitsgläubigern Untertan zum verantwortlich denkenden Staatsbürger verfolgen. Mr. Gregory ein Gefängnisaufseher wird nach Robben Island, eine ehemalige Leprakolonie versetzt, die während der Zeit der Apartheid als Gefangenenlager für aufständische Schwarze diente. Er wird zum censorship officer befördert, weil er die Stammessprache Xhossa, Mandelas Muttersprache spricht. Er soll durch Briefkontrolle und Gespräche für die Staatssicherheit herausfinden, was und wie die Gefangenen denken, was sie zu tun vorhaben. Fest davon überzeugt, dass sich Südafrika in einem Krieg mit schwarzen Terroristen befindet, die den Weißen nach dem Leben trachten, nimmt Mr. Gregory seine Arbeit auf.

Weniger Nelson Mandela als die Kinder Gregorys sind es, die seine Vorurteile in Frage stellen. Sie haben sich die Fähigkeit zur Empathie bewahrt, die sie das Unrecht mit erleiden lässt, dass ihren schwarzen Mitmenschen angetan wird. Warum kommen die mit ihnen auf dem Schiff fahrenden Schwarzen nach Robben Island? Weil sie keine gewöhnlichen Kriminellen sondern Terroristen sind. So Mutter. Was ist der Unterschied zwischen Kriminellen und Terroristen? Die letzten wollen die Weißen ausrotten. So wiederum die Mutter. Warum, so fragt die bestürzte Tochter, sei der Vater nicht gegen die sich vor ihren Augen abspielende brutale Misshandlung schwarzer Frauen durch die Polizei eingeschritten? Weil das Sache der Polizei gewesen sei. Mit jeder Frage. mit jeder hilflosen Antwort wird das Weltbild unseres Gefängnisaufsehers erschüttert. Die Begegnung mit Nelson Mandela tut ein Übriges, um Mr. Gregorys nachdenklich zu machen. Dieser nimmt die ihm von dem Apartheidsregime angebotene individuelle Freilassung nicht an, die ihm als Gegenleistung für die Beendigung des schwarzen Aufruhrs gewährt werden sollte. In einer Auseinandersetzung mit Gregory macht er diesem die unterschiedlichen Politikziele deutlich: Sie wollen nur Ruhe, wir dagegen wollen Frieden.

Der häusliche Friede wird durch den allmählichen Gesinnungswandel unseres Protagonisten auf eine empfindliche Probe gestellt Förmlich zum outcast wird er, als er ein Weihnachtsgeschenk Nelson Mandelas an dessen Frau weitergibt und dieser menschliche Dienst öffentlich wird. Die Gregorys erleben, was gesellschaftliche Sanktionen bedeuten und dass diese sie empfindlicher treffen als es Disziplinarstrafen vermöchten. Sie werden in der Nachbar- und Kollegenschaft isoliert. Die Rolle der Ausgestoßenen wird bitter  - auch körperlich -  erlitten, aber letztlich von Mann und Frau durchgestanden. In diesem Zusammenhang gelingen der Kamera für sich sprechende Bilder, in deren Fokus eine Frisierkommode auf der Terrasse des Hauses steht. Anfangs ist Mrs. Gregory, eine Friseuse, umringt von schwatzhaften und verschönerungsbedürftigen Nachbarinnen. Später sehen wir diesen Treffpunkt wiederholt verlassen und verwaist.

Die Alternative „My country first“ oder „My family first“ klingt in den ehelichen wie den beruflichen Gespräche immer wieder an. Und das ist gewiss eines der Verdienste des Films, dass er dieses Spannungsverhältnis vergleichend an beiden Familien, der von Mandela und Gregory, thematisiert. Vorne an der ungleichzeitigeTod der Söhne führt zu Mitleid im wahren Sinne des Wortes und zum beiderseitigen Verständnis. Hier liegt die Wurzel der Empathie in diesem Film. Das Alleinsein, die Angst und die Unsicherheit, die sie ihren Familien zumuten, führen für beide zu Gewissenskonflikte, die sie letztlich mit Hilfe ihrer Angehörigen zu Gunsten ihres öffentlichen Auftrags lösen.

Bei Mann und Frau vollzieht sich ein Gesinnungswandel. Sie entwickeln ein Bewusstsein für die Herausforderung durch die Geschichte, deren Teil sie zu sein wünschen. „There will be a change of history“, so Mr. Gregory, „and I wish to be a part of it“. Als er am Ende  - erschüttert durch den Tod seines Sohnes und die dadurch ausgelösten Schuldgefühle -  kleinmütig werden will, ist es seine Frau, die ihn erinnert, dass er doch Teil des geschichtlichen Wandels und des Sieges von Mandela werden wollte.

Der Film basiert auf einer wahren Geschichte. Gleichwohl kann man den Film nicht als dokumentarisch bezeichnen. Er ist mir dafür ein wenig zu rührselig, und  - wie ich allerdings nur vermuten kann -  in mancher seiner Szenen zu wenig wirklichkeitsgetreu. Winnie Mandela ist bei ihren Besuchen entschieden zu westlich elegant. Und selbst die Gefangenen sehen einfach zu adrett aus. Vor allem die Szenen mit und um Nelson Mandela sind zu statuarisch und ergriffen geraten. Man sieht immer den Helden der Geschichte voraus. Nur die grauen Haare verraten, dass dieser Mann fast drei Jahrzehnte Robben Island hinter sich gebracht hat. Die sentimentale Musik, der soundtrack   - wie man heute sagt -  hat mich an zuweilen an die Heimkehr von Scarlett O’Hara in Tara erinnert.

Aber vielleicht sind das alles Stilmittel, die den Film besser an den Mann und die Frau bringen. Das ist denn auch gut so. Wir, das normale Publikum, haben es eben gern einmal herzerwärmend. Und vielleicht taugt der Stoff  - ich meine die Geschichte von Mr. Gregory - nicht zu einem unkonventionellen Film. Und wenn  - wie wir hoffen -  der Film das Bekenntnis zur Unantastbarkeit der Menschenwürde bekräftigt, dann verdienst er die Auszeichnung allemal.

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