Sonntag, 25. Oktober 2020
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Keine Lust auf das Steinigungsspiel

von Martina Knoben

Hana, die zweite Tochter des Makhmalbaf-Clans, debütiert mit "Buddha Collapsed out of Shame" in der Reihe "Generation"

Zorn, ohnmächtiger Zorn ist in den Bildern zu spüren, wenn der ewige Buddha - eine alte Schwarzweiß-Aufnahme der Statue in Bamian ist im ersten Bild des Films zu sehen - gleich im zweiten Bild gesprengt wird. "Buddha Collapsed out of Shame" - der Filmtitel sei ihrem Vater zu verdanken, hat Hana Makhmalbaf im Interview gesagt: Eine Statue, die so viel Gewalt ansehen musste wie diese, könne durchaus zusammenfallen.

Afghanistan also hat sich Hana Makhmalbaf als Schauplatz für ihren ersten abendfüllenden Spielfilm ausgesucht - wie ihr Vater Mohsen, wie ihre Schwester Samira für deren letzte Filme. Liegt es in den Genen, wenn eine Familie gleich drei Regisseure von Weltrang hervorbringt? Oder muss man den Erfolg der Makhmalbaf-Kinder - Samira drehte ihren Erstling "Der Apfel" als Siebzehnjährige, Hana ist erst neunzehn - als Produkt der ungewöhnlichen Erziehung ansehen, die die Mädchen genossen haben? Beide haben früh die öffentlichen Schulen in Iran verlassen, Hana ist dem Beispiel der Schwester gefolgt, da war diese vierzehn und Hana acht. Zusammen wurden sie im "Makhmalbaf Filmhouse" von ihrem Vater unterrichtet. Eine solche Erziehung, fern von Gleichaltrigen kann einsam machen - und auch besonders stark. Samiras Temperament ist in der Filmwelt bekannt, aber auch Hana dürfte einiges mitbekommen haben, so viel ist in ihrem Erstling bereits zu sehen.

Charmant, wie darin der vielleicht sechsjährige Abbas und die ebenso alte Bakhtay vor den Wohnhöhlen ihrer Eltern miteinander schäkern. Wie er sie mit Erzählungen über seine Schule so lange provoziert, bis Bakhtay beschließt, sich ohne Wissen ihrer Mutter allein auf den Weg über den Fluss zu machen, wo die Mädchenschule steht.

Es wird eine lebensbedrohliche Odyssee. "Wir sind die Taliban", brüllt eine Jungenbande, die Bakhtay in ihre Gewalt bringt, ihr eine Papiertüte mit Sehschlitzen über den Kopf stülpt und sie eingraben und steinigen will, obwohl das Mädchen treuherzig betont, dass es keine Lust auf das Steinigungsspiel habe. Mit surrealer Wucht hat die junge Regisseurin diese Sequenz inszeniert, in einer Landschaft, die von den Jahrzehnten der Gewalt ebenso gezeichnet ist wie diese Kinderspiele, die vielleicht keine Spiele sind. Überall liegen Landminen herum, einmal ist ein Hubschrauber am Himmel zu sehen, als Hinweis, dass die archaischen Szenen tatsächlich aus dem 21. Jahrhundert stammen.

"Buddha Collapsed out of Shame" folgt einer Episodenstruktur, wie vor ihm so viele iranische Filme. Auch die parabelartige Erzählweise, die wunderschönen, unwirklich anmutenden Bilder sind ganz traditionell. Vor zwanzig Jahren hätte der Film das Weltkino erschüttert. Heute begeistert das Talent einer Neunzehnjährigen, und man fragt sich, was von ihr noch zu erwarten sein wird, ob sie auch einmal von einem westlichen Land erzählen wird. Die Familie ist aus Iran emigriert.

Was ihr Bildung bedeutet, macht Hana Makhmalbaf in ihrem Film jedenfalls unmissverständlich deutlich, in ihrem Fall ist das wohl als sehr persönliches Bekenntnis zu sehen. Zu den qualvollsten Szenen gehören die, in denen Bakhtays Schulheft erst von der Jungenbande zerfleddert, dann von einem Mädchen in der Schule einer weiteren Seite beraubt wird. Und Abbas, der Junge, der Bakhtay infiziert hatte mit dem Lern-Virus, trägt noch in der größten Notlage das ABC wie einen Schild vor sich her.

MARTINA KNOBEN

Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.40, Samstag, den 16. Februar 2008 , Seite 14

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