Montag, 1. Juni 2020
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Laudatio

von Jasmin Tabatabei

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Jasmin Tabatabei

Eine Polizeistation im nordöstlichen polnischen Grenzbereich im Hochsommer. Irgendwannin unserer heutigen Zeit. Das russische Kind, vielleicht 6, 7 Jahre alt, ein hübscher Junge mitlangem blonden Haar, verschmutzt und in abgerissenen, stinkenden Klamotten, versuchtden polnischen Polizeibeamten zu bestechen, damit er ihn und seine beiden Kameradennicht wieder zurück über die Grenze nach Russland schickt. Der kleine Junge fährt alles auf,was er hat: Seinen Charme, sein gesamtes Geld, zwei Rubel und schließlich, als das nichts nutzt, bietet er dem Beamten das Wertvollste, was er besitzt: seinen Teddybären.
Tagelang war der junge Petya mit seinem 10 jährigem Bruder und einem 11 jährigen Freundunterwegs. Als blinde Passagiere auf einem Güterzug, als Anhalter oder zu Fuß durch dieschöne, verwilderte Landschaft. Ein merkwürdiges Trio, ganz auf sich allein gestellt, genauwie die Landschaft schön und verwildert. Sie sind auf dem Weg zur russisch-polnischenGrenze. Sie wollen rüber gehen. In eine bessere Zukunft. Eine gefährliche Reise.

Unter den Stacheldrähten und Elektrozäunen haben sie sich mit Hilfe von Blechtassen in derNacht hindurchgegraben. Als Könige wollen sie irgendwann einmal vielleicht nach Russlandzurückkehren. Freudig blicken sie auf ihren ersten polnischen Sonnenaufgang und sind sichsicher: „Morgen wird alles besser“. Auch wenn dem Kleinsten auffällt, dass der polnischeHimmel nun gar nicht so viel anders aussieht, als der russische.

Nun aber sitzen sie bei der polnischen Polizei. In ihrer Unbefangenheit haben sie sich gleichnach ihrem illegalen Grenzübertritt bei ihr gemeldet, denn sie sind sich sicher, dass sie baldin ein warmes und sauberes Heim gebracht werden. Das sie bleiben können. Der füllige polnische Polizeibeamte ist ein durchaus freundlicher Herr, obgleich er von denjungen Flüchtlingen in seiner gemütlichen Sommer-Lethargie gestört wurde. Er mag dievorwitzigen Jungs, gibt ihnen sogar ein Suppe aus und er würde ihnen sicher gerneweiterhelfen. Wären ihm nur nicht die Hände gebunden . Seine Befugnisgewalt sobeschränkt. So bleibt ihm, nach einigen ergebnislosen Telefonaten, nichts anderes übrig, alsden Jungs mitzuteilen, dass sie umgehend wieder „nach Hause“ zurückgeschickt werden.

Aber was für ein Zuhause ist das? Einen festen Wohnsitz können sie jedenfalls nicht nennen, die beiden Jüngeren, die Brüder, kennen noch nicht einmal ihren Nachnamen. Oder sie wollen ihn nicht verraten. Wir wissenes nicht. Viele Fragen tun sich auf, während wir Lyapa, Vasja und seinen kleinen Bruder Petya auf ihrer abenteuerlichen Flucht begleiten. Auf dem Bahnhof lernen wir sie kennen, wo sie unter Bänken schlafen und sich über achtlos weggeworfene Kippen, die man noch rauchen kann, freuen. Kein Erwachsener nimmt sie wirklich wahr. Bestenfalls sind sie ihnen lästig, nerven mit ihrem Gebettele. Wer sind diese Kinder fragen wir uns? Wo kommen sie her? Wie sind sie zusammen gekommen? Warum wollen sie unbedingt nach Polen? Kennen sie dort jemanden? Wartet jemand auf sie? Warum sind sie so auf sich allein gestellt? Vermisst sie eigentlich niemand? Wo sind denn überhaupt ihre Eltern? Wir bekommen nicht alle Antworten auf diese Fragen im Laufe des Filmes und das müssen wir auch nicht. Denn ein Blick aus den großen blauen Augen von Petya, wie er durch ein Fenster eine Mutter beobachtet, die zärtlich ihr Baby wiegt, erzählt mehr als Tausend Worte. Es sind Bilder wie diese, eindrucksvoll von der Kamera eingefangen, die hängen bleiben. Über die man noch lange nachdenkt.

Wir müssen auch nicht alles darüber erfahren, wie die Kinder aufgewachsen sind. Wir sehen den rauen Umgangston, den die kleinen Machos untereinander pflegen; wir sehen wie der Kleine mit seinem Teddy spielt, wie er ihn herzt und im nächsten Augenblick grundlos züchtigt, und wir können uns gut vorstellen, wie die Erwachsenen mit ihnen umgegangen sind.

Was den Film aber so besonders macht, ist die bemerkenswerte Leichtigkeit, mit der die  Regisseurin Dorota Kedzierzawska, ihre Geschichte erzählt. Zu keiner Sekunde ist dieser  Film belehrend, betulich, auf Betroffenheit abzielend. Nie blickt er von oben auf die armen  Flüchtlingskinder herab. Die Regisseurin macht ihre Protagonisten nicht zu unmündigen  Opfern. Sie blickt ihnen voll ins Gesicht. Und das mit einer großen Liebe und auf Augenhöhe.  Sie lässt sie fröhlich sein, ja manchmal richtig albern, lässt sie frei, raufend, wild, charmant,
verschlagen, witzig, wütend, kindisch, kindlich, lässt sie vorlaut sein. Vertraut wirken sie  einem und im Laufe des Filmes immer näher. Wie ein paar Lausejungs aus der  Nachbarschaft, die die Katze am Schwanz ziehen oder mit ihrem Fußball das Fenster kaputt schießen. Wie Tausend Jungs vom Schulhof, wie wir sie alle kennen.
Nur haben diese drei Jungs nie eine Schule von innen gesehen. Und wenn doch, dann sicher nicht für lange. Sie waren auch bestimmt noch nie in ihrem Leben bei einem Zahnarzt, in einem Fußballstadion oder im Kino. Sie haben ganz einfach das Pech im – und das sage ich deutlich mit Anführungszeichen –
„falschen“ Land geboren zu sein. In großer Armut. Ohne Perspektive. Ohne dass sich irgendjemand für ihr Schicksal interessiert. 

Die Geschichte von „Tomorrow will be better“ basiert auf einer wahren Begebenheit. Die Regisseurin hörte im polnischen Radio von zwei russischen Brüdern aus sehr armen Verhältnissen, Kindern noch, die sich alleine über die Grenze geschlagen hatten und die nun hofften in Polen Aufnahme zu finden. Die Hörer wurden vom Radiomoderator aufgefordert darüber abzustimmen, ob diese Jungs in Polen bleiben dürften oder nicht. Das erinnert fatal an den berühmten Asylantencontainer , den Christoph Schlingensief vor einigen Jahren in Wien aufstellte, damit die Fernsehzuschauer in Big Brother oder Dschungelcampmanier darüber "voten" konnten, wer von den Insassen abgeschoben wird und wer nicht. Das Ergebnis der Telefonwahl der polnischen Radiohörer war jedenfalls 50:50. Das heißt, die Hälfte der Anrufer war der Meinung, dass man die Kinder nach Russland abschieben sollte. Die Regisseurin war nach eigenen Angaben so schockiert über das Abstimmungsverhalten ihrer Landsleute, dass sie beschloss diese Geschichte zu erzählen.

An Originalschauplätzenim Nord-Osten von Polen drehte sie den Film mit jungen Laiendarstellern. Die Darsteller der beiden blonden Jungs, auch im wahren Leben Brüder, waren letzte Woche zur Vorführung des Filmes in Berlin anwesend. Der Darsteller des braunhaarigen 11-jährigen Jungen ist im wahren Leben ein tschetschenischer Flüchtling, der eigentlich mit seiner Familie nach Schweden wollte, den die Behörden aber mittlerweile wieder nach Tschetschenien zurückgeschickt haben. Die Regisseurin hat keinen Kontakt mehr zu ihm und weiß auchnicht, was aus ihm geworden ist. Das zeigt uns auf schmerzhafte Weise die Aktualität undBrisanz des Flüchtlingsthemas. Ebenso die Tatsache, dass mir die Jury erzählt hat, dass es dieses Jahr unglaublich viele Filme zum Thema Strassenkinder gibt. Und das aus aller Welt.

Die Mehrheit der Weltbevölkerung hat nicht das Glück in den Wohlstand und Luxus hineingeboren worden zu sein, in dem wir leben. Es ist zumeist die Jugend, die Zukunft eines Landes, die ihre Heimat verlassen will. Es muss nicht immer ein Krieg sein, der sie von zuhause wegtreibt, eine Naturkatastrophe, politische Verfolgung oder Folter, auch wenn das leider oft der Fall ist. Oft ist es schlichtweg der Wunsch, die Hoffnung auf ein besseres Morgen, auf ein besseres Leben, auf eine Chance etwas aus seinem Leben zu machen. Und
vielleicht als Könige zurück zu kehren.
Diese Hoffnung liegt oft in dem Land nebenan. Da, gleich drüben über der Grenze. Da ist alles besser, freier, reicher. Und wenn nicht da, dann ein paar Länder weiter. Es sind diese Menschen, die wir gerne als „Wirtschaftsflüchtlinge“ bezeichnen und denen wir ungern Asyl gewähren. Die Tatsache ignorierend, dass sie oft große Gefahren auf sich genommen haben um hierher zu kommen und dass natürlich kein Mensch seine Heimat
gerne für immer verlässt. Die werden doch gar nicht verfolgt! Sagen wir. Die wollen doch nur was von unserem Kuchen! Von unserem Wohlstand! Sich durch unseren Sozialstaat schmarotzen! Ist Armut überhaupt ein Grund für Asyl? Lamentieren wir. Und selbst wenn wir wollten, Wir können doch nicht alle aufnehmen, die es besser haben wollen! 

Aber sollte der glorreiche Grundsatz der amerikanischen Verfassung, das Recht auf das „Streben nach Glück“, the pursuit of happiness , nicht für alle Menschen gelten? Sollte nicht jedes Kind, jeder Mensch, das Recht darauf haben zu träumen und eine faire Chance erhalten diese Träume auch verwirklichen zu können? Unabhängig von Herkunft und Stand, ein Recht auf ein besseres Morgen? Das sind die Fragen, die man sich bei der Sichtung des Filmes unweigerlich stellt. Mir gefällt die Empörung der Regisseurin, mit der sie auf die eingangs geschilderte Radioumfrage reagierte. Dass sie nicht zynisch und schulterzuckend wegschaut und mit dem Alltag weitermacht, sondern dass sie diese gesunde menschliche Empfindung, die heutzutage, wo das Wort „Gutmensch“ zum Schimpfwort geworden ist, sehr außer Mode zu sein scheint, dass sie diese gesunde menschliche Empfindung, nämlich die Empörung, die Empörung über Unrecht, was vor allen Dingen Kindern, den Schwächsten unter uns, wiederfährt und über Umstände an die wir uns zwar gewöhnt haben, die aber einfach nicht richtig sind, in einen wunderschönen und poetischen und darüber hinaus humorvollen Film verwandelt hat. „Tomorrow will be better“ erinnert uns daran, dass Frieden eben mehr ist als die Abwesenheit von Krieg und Gewalt. In diesem Sinne, finde ich, liebe Friedenspreisjury, habt ihr eine gute und weise Wahl getroffen und ich freue mich, dass der Friedenspreis an Dorota Kedzierzawska für „Tomorrow will be better“ geht.

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