Montag, 1. Juni 2020
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Dr. Carolin Emcke

Laudation auf "Son of Babylon"

Über Krieg ist alles bekannt.
Im Krieg wird gefoltert und gemordet, vergewaltigt und versehrt.
Erwachsene und Kinder, Männer und Frauen sterben im Krieg. Langsam oder schnell. Sie werden vertrieben oder eingesperrt. In dunklen Verließen oder in sonnenbeschienenen Lagern. Einzelne Menschen werden getötet oder ganze Gruppen. Aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Sprache, ihres Geschlechts, ihrer Religion, weil sie nun einmal gerade da sind, weil sie nicht rechtzeitig fliehen konnten, weil sie Zuhause sind in einer Gegend, in der es Gold, Salz, Kupfer oder Öl gibt, weil sie anders aussehen, anders klingen, anders essen als andere, weil sie schutzlos sind oder ängstlich, weil ...
Gewalt sucht grundlos sich die Opfer und richtet sie zu, sodass sie zu den Gründen, den nachgeschobenen, passen.
Was Krieg heisst, so glauben wir allenthalben in befriedeten Ländern, das haben wir längst verstanden.
Wir sehen Bilder von Tod und Zerstörung und nicken selbstgewiss: „Ja, natürlich, im Krieg werden Gebäude zerstört, Mauern werden brüchig, Straßen löchrig, im Krieg sterben Menschen“, das wissen wir auch, „sie werden gequält und getötet, vertrieben und verbannt“, All das ist nicht nur gewiss, es ist, so meinen wir, selbstverständlich geworden.
Das ist es, was uns jeden Tag die Bilder der Nachrichten erzählen: zehn Tote bei einem Bombenanschlag in Bagdad, zehntausend Vertriebene bei einer Offensive in Sri Lanka, zweihundert zerstörte Dörfer im Kongo, sie reihen sich ein in eine schier endlose Folge an Grausamkeiten, die wir nurmehr, wie Perlen auf eine Schnur aus Toten und Flüchtlingen und brennenden Autos aneinanderreihen, daraus wird eine Kette, die wir kaum mehr wirklich betrachten, wir nehmen nur, bei jeder neuen Schreckensnachricht, die nächste Kugel auf, und fädeln sie ein und fügen sie hinzu, gleichgültig, ohne dem einzelnen Ereignis Beachtung zu schenken: denn Krieg, das wissen wir ja nun, besteht eben aus Toten.
Und dank der allumfassenden Berichterstattung, den „24 hour news“, aus allen Teilen der Welt, wissen wir auch, wie sie aussehen die Toten, mehr oder minder zumindest, wir kennen die Bilder von Leichenbergen, von ausgemergelten Körpern, von Zelten mit dem UN-Emblem, die eine ganze Landschaft überziehen wie Pflanzen, wie kennen die Overalls von Forensikern, die sich mit klinisch reinen Handschuhen an das Einsammeln von Knochen- oder Hautresten machen – und auch das registrieren wir als ob es selbstverständlich sei, dass da Menschen die Reste von Menschen zusammenklauben.
Verzeihen Sie das Wort, aber: wie „abgefuckt“ sind wir eigentlich?
Die Wahrheit ist: wir haben keine Ahnung.
Seit sieben Jahren herrscht im Irak Krieg, und das ist kurz gerechnet, wenn wir mit Krieg nur den direkten Kampfeinsatz meinen und ab der Invasion im Frühjahr 2003 zählen. Seit sieben Jahren ist der Krieg vorbei, so wird gerechnet, wenn wir glauben, dass George W. Bushs Erklärung, der Krieg sei vorbei, wirklich zutrifft.
Und wieviel wissen wir wirklich vom abgeschlossenen oder nicht abgeschlossenen Krieg im Irak?
Wieviele Bilder fallen uns ein über die Lebenswirklichkeit im Irak, im kurdischen Norden oder im shiitischen Süden, von der ethnischen Vielfalt, von den Flüssen, den Sümpfen, den Bergen? Wenn wir die Namen von Orten und Gegenden hören, können wir da wirklich in unserem inneren Bildarchiv etwas evozieren? Wie sieht Mosul aus? Oder Suleimania? Oder Nasiriya? Ich bin seit vielen Jahren immer wieder im Irak, insofern habe ich sogar von dem Nord-Irak Bilder im Kopf, ich kenne manche Straßen, die in diesem Film zu sehen sind, ich kenne den Staub, das Licht.
Aber von all den anderen Gegenden des Irak? – da nehme ich mich in diese Fragen mit ein: Was haben wir wirklich gesehen in den letzten Jahren an Bildern aus diesem Krieg? Was fällt Ihnen da ein? Wer von Ihnen hat eine Vorstellung von dem Stadtplan von Bagdad? Oder der berühmten Greenzone, von der wir gelegentlich hören? Was anderes kommt Ihnen in den Sinn als staubige Männer in amerikanischen Uniformen, die schwerbewaffnet und ängstlich die Straße patroullieren? Was?
Wir haben keine Vorstellung vom Krieg, je mehr Bilder wir in den Nachrichten sehen, so scheint es, umso weniger verstehen wir von der Wirklichkeit des Krieges.
Die Wirklichkeit des Krieges, daran erinnert der hier gestiftete Friedensfilm-Preis Jahr für Jahr, und das zeigt „Son of Babylon“, der diesjährige Gewinner, auf besonders eindrückliche Weise, erzählt sich nicht in Bildern von Leichenbergen oder Bombenkratern. Die Wirklichkeit des Krieges ist vielschichtiger, langsamer, bunter auch, sie erzählt sich in den Gesichtern der Menschen, die keine Erwartung mehr haben, sie erzählt sich in Blicken, die nichts mehr fürchten als jemanden, der auf einmal zuhören könnte, denn dann müssten sie sprechen, dann bräche es heraus, das eingeschlossene Leid, eingeschlossen im Schweigen. Sie erzählt sich in Witzen, in Beschimpfungen, auf die, die früher zu fürchten waren.
Die Wirklichkeit des Krieges, das zeigt uns „Son of Babylon“, und das kann ich sagen, ohne zuviel von der Geschichte des Films, den Sie gleich sehen werden, zu verraten, zeigt sich in den Menschen, die den Schmerz des Verlusts, den Schmerz des Unrechts, wie einen Stachel in sich herumtragen, und die sich nicht entscheiden können, ob sie diesen Stachel ziehen wollen, weil nur so das Überleben möglich wäre, oder ob sie diesen Stachel erhalten wollen, und den Schmerz, der damit verbunden ist, weiter mit sich herumtragen, weil nur das die Erinnerung an den geliebten Menschen überleben lässt. Dieser Stachel kann in Form eines Kleidungsstück daher kommen, in Form von Alpträumen oder in dem schiefen Klang einer Flöte, die einem gehörte, der sie zu spielen wusste, und der jetzt nicht mehr ist.
Es sind Menschen, die uns die Wirklichkeit des Krieges zeigen, weil sie in ihnen weiter lebt, weil der Krieg Spuren hinterlassen hat, Spuren, die sich nicht vergessen lassen, und so befragen sie sich, und sie versuchen es vielleicht, diesen Stachel des Krieges aus sich zu ziehen, aus Liebe zu einem Kind oder einer Gegend, aus Pflichtgefühl den Lebenden gegenüber oder aus Respekt den Toten gegenüber.
Die Wirklichkeit des Krieges zeigt sich, wenn der Krieg vorbei ist, und alle das wollen, dass er auch wirklich vorbei sei, und die Wirklichkeit des Krieges zeigt sich, wenn das nicht gelingt.
Wie sollte es auch?
Der Krieg ist vorbei, alle wollen es feiern, das Ende der Gewalt, alle wollen erleichtert aufatmen und die Normalität wiederherstellen, die Schatten sollen vertrieben werden, und da stören sie nur, die Menschen, die an der Erinnerung festhalten, die Menschen, die sich nicht abbringen lassen wollen von ihrem Schmerz oder ihrer Hoffnung.
Die Wirklichkeit eines jeden vergangenen Krieges zeigt sich an der Unwirklichkeit des darauffolgenden Friedens.
Und das ist es, was der Friedensfilm-Preis an „Son of Babylon“ auszeichnet: die Fähigkeit, daran zu erinnern, dass Kriege nicht einfach aufhören, dass sie nicht einfach vorbei sind, dass die Verluste erst danach zu spüren und zu entdecken sind.
Die Wirklichkeit des Friedens nämlich zeigt sich erst darin, ob eine Gesellschaft im Frieden anerkennt, dass die Gewalt eben nicht aufgehört hat, auch wenn sie aufgehört hat, dass die Erinnerung sich an keine Chronologie hält, und die Erschütterung auch nicht.
Die Wirklichkeit des Friedens zeigt sich erst darin, ob eine Gesellschaft im Frieden anerkennt, dass es kein Zeit-Maß gibt für Trauer, und, das wissen wir in Deutschland genau, kein Zeitmaß für Schuld und Sühne, dass die Erschütterungen, die Gewalt und Brutalität im Krieg anrichten, noch Jahre später in der nächsten Generation weiter beben, und dass der Frieden, der echte Frieden, diese Erschütterung nicht verstummen lassen, sondern sie erst einmal hören und spüren will, damit all das, was vorher unterdrückt war, aufbrechen darf, damit Zorn in Trauer sich wandeln kann, Hoffnung in Wissen und furchtsame Ahnung in schmerzliche Gewissheit.
Die Wirklichkeit des Friedens, das erzählt uns „Son of Babylon“ misst sich daran, wie sie bereit ist, sich mit eben diesen Stacheln zurechtzufinden, die Wirklichkeit des Friedens misst sich daran, ob sie den Krieg und das Unrecht, das er gebracht hat, einfach vergessen will, oder ob die Fragen der Schuld und des Verlusts angenommen und beachtet werden, ob nur die Menschen integriert werden, die vergessen wollen, oder auch die Menschen gebraucht und beachtet werden, die sich erinnern wollen, in ihrer eigenen Langsamkeit, die trauern wollen, um einen Menschen oder um das Unrecht, das Nachbarn einander angetan haben.
Der Friedensfilm-Preis zeichnet eben dies aus: die Suche nach einer Sprache für die Bruchstellen zwischen Krieg und Frieden. Der Friedenspreis zeichnet „Son of Babylon“ aus, weil der Film gleich mehrere Bruchstellen markiert: die zwischen den Zeiten, in denen die Gewalt noch präsent ist, in brennenden Autowracks, in verwahrlosten Landschaften, in leeren Gefängnissen, und in denen schon das neue aufscheint, die neuen Gelegenheiten, des Handelns, des Reisens, und der Film erzählt von den Bruchstellen zwischen den Generationen und zwischen den Ethnien, und damit überwindet er all die Grenzen der Sprachen, die uns stets als unüberwindbar erzählt werden.
Mehr noch, er zeigt uns auf, wie wieviele Sprachen und Formen es gibt, in denen eine Geschichte erzählt werden kann: die von Abraham und seinem Sohn, von dem, der gerettet wird, weil er vertraut, zum Beispiel, oder die vom Krieg im Irak.
Was der Friedensfilmpreis auszeichnet, ist, jedes Jahr wieder, ein Film, der sich in diese Bruchstellen einnistet, der sich der Monotonie der Gewalt entgegensetzt, mit Erzählungen und Geschichten, die die Vielstimmigkeit wiederentdecken, die Genauigkeit, all das, was in Kriesgzeiten unerwünscht ist, weil es sich in einem Zuviel der zarten Differenzierung nicht gut töten lässt.
Der irakische Musiker Munir Bashir hat einmal die Herkunft des musikalischen Reichtums der arabischen Kompositions-Form zu erklären versucht: „Moses trifft Gott in der Wüste Sinai. Der Erzengel Gabriel nähert sich und sagt: „Schlag mit Deinem Stab an diesen Fels hier.“ Durch seinen Schlag entspringen dem Fels zwölf Quellen, deren jede einen anderen angenehmen Klang erzeugt.“ Diese Quellen sind die Grundlagen der Klangwelt der arabischen maqam.
In der christlichen Überlieferung entspringt, wenn ich mich nicht täusche, nur ein Quell dem Schlag von Moses an den Fels. Und so wie Munir Bashir in der muslimischen Überlieferung zwölf Klangwelten entdeckt, so entdeckt „Son of Babylon“ eine Vielzahl mehr als Klang- und Stimmungsfarben des Friedens als wir, die wir meinen zu wissen, was Krieg und Frieden bedeuten, kennen. Es sind unwahrscheinliche Klänge, die wir da zu hören kriegen, Stimmen von Täter und Opfer, die miteinander reden, von alt und jung, die, die das verlieren wollen, was sie im Krieg geworden sind, die das wiederfinden wollen, was ihnen im Krieg abhanden gekommen ist, und die alle im Frieden nicht mehr dieselben sein können, wie die, die sie einmal waren.
Dabei sind es nicht die großen Szenen, die uns vorführen, was Frieden bedeuten könnte, sondern die kleinen Gesten: die helfende Hand beim Herabsteigen vom Lastwagen, das gemeinsame Singen, das Wechseln der Sprache, das Waschen des Gesichts, all diese Momente, die unwahrscheinlich sind, und die doch Symbole für das andere sind: die Liebe und die Vergebung, die Hoffnung und die Sühne.
Unwahrscheinlich vielleicht, aber hoffen und lieben, schaffen und leben lässt sich nur in das Unwahrscheinliche hinein, weil es nur so wahrscheinlicher wird.
Dass wir daran erinnert werden, durch diesen Film, dafür verdient „Son of Babylon“ den Friedensfilmpreis der Berlinale 2010 und dafür verdient er unseren Dank

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