Mittwoch, 12. Dezember 2018
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Einmischen, eingreifen : 25 Jahre Friedensfilmpreis

Von Marion Pietrzok, ND

Friedensfilmpreis. Ein schönes Wort. Es klingt rein und sanft. Diejenigen aber, die ihn vergeben und die ihn erhalten, sind kämpferisch, unduldsam gegen das Schmutzige in der Welt. Das meint nicht nur den Krieg. Verliehen wird der Preis an einen Film, der »die ästhetischen Mittel in besonderer Weise in den Dienst des friedlichen Miteinanders und des sozialen Engagements stellt«. Gestiftet wurde er von Berliner Friedensgruppen, 1986 im UNO-Jahr des Friedens. Eine der Gründerinnen, Marianne Wündrich-Brosien: Als Querulanten seien sie damals beschimpft worden; in der Frontstadt des Westens inmitten des Kalten Krieges habe dieser Preis nichts zu suchen.

Die Zeit ist vorbei, da man mit »Chaoten nicht debattieren« wollte. Der Friedensfilmpreis ist fester Bestandteil der Berlinale. Aber statt das 25. Jubiläum zu feiern, trafen sich die Friedensfilmpreis-Aktivisten am Montag zum Diskutieren, um sich in Selbstvergewisserung anzuspornen, zum Weitermachen. Preisträger, Freunde und Jury des Friedensfilmpreises kamen zusammen, um den einzigen Friedenspreis auf einem A-Festival der Welt zu würdigen, auf eine Weise, die ihm angemessen ist.

Die bosnische Filmemacherin Jasmila Zbanic berichtete, was »Esmas Geheimnis – Grbavica« als Preisträger 2006 bewirkte. Die Tatsache von Massenvergewaltigungen des Krieges in Bosnien aus dem Beschweigen zu heben, sie zu benennen, als das, was sie sind: Kriegsverbrechen. Den geschändeten Frauen Stimme zu geben, das war ihr Anliegen. Dem Film wurde der Goldene Bär zuerkannt – einen Tag zuvor hatte er den Friedensfilmpreis bekommen. Der Rote Teppich wurde ihr jedoch zu Hause nicht ausgelegt,
berichtete Jasmila Zbanic (mit »Na Putu« ist dieses Jahr erneut ein Film von ihr im Wettbewerb).Sehr kontrovers seien die Reaktionen gewesen: Die einen sahen in ihm einen Sieg der Wahrheit, die anderen meinten, er sei
antiserbisch. Aber er erwies sich als unmittelbare Macht: Er half, dass den Frauen der Status als Kriegsopfer zugesprochen werden konnte. Innerhalb von sechs Monaten wurden 50 000 Unterschriften gesammelt, die Petition im Parlament eingereicht, und sie hatte Erfolg: Das Gesetz wurde geändert.

Ein so unmittelbares Eingreifen in gesellschaftliche Verhältnisse, das ist es, was die Freunde des Friedensfilmpreises sich am meisten wünschen. Gemäß Heinrich Bölls Diktum »Einmischung ist die einzige Möglichkeit, realistisch zu bleiben.« Anfangs wurde der Preis belächelt, so ein Ding von ein paar übriggebliebenen Friedensbewegten. Aufmerksamkeit zu gewinnen, allein das war mühselig zu
erkämpfen, immer wieder neu, mit vielen kleinen Schritten. Die Randposition im Festivalgefüge, bei insgesamt fast 50 Berlinale-Preisen schien unverrückbar zu sein. Die von einer unabhängigen Jury sektionsübergreifend ausgewählten Preisträgerfilme werden jedoch inzwischen besonders wahrgenommen. Und mittlerweile gibt es angesehene Unterstützer: die IPPNW und die Heinrich-Böll-Stiftung.

Festivalchef Dieter Kosslick ließ allerdings nur eine Grußnote verlesen. »Ihr Friedensfilmer habt um Entscheidungen wie auch um Filme gekämpft«, schrieb er, »und damit immer auch bewiesen, dass Film so viel mehr ist, ja so viel mehr sein muss als ein bloßes ästhetisches Vergnügen.« Wegen anderer Verpflichtungen kam er nicht selbst, man sieht es ein. Zur gleichen Zeit hatte er wohl den frisch gekürten Schauspieltalenten, den Shooting Stars, zu gratulieren, Stars auf dem Roten Teppich zu empfangen, japanische Filmschaffende beispielsweise, deren Film »Caterpillar« über die Fragwürdigkeit von »Ruhm und Ehre« auf Kriegsschlachtfeldern einer der Anwärter
auf den diesjährigen Friedensfilmpreis ist. Auch das kann man als einen Beitrag des Berlinale-Direktors zum Geburtstagsabend nehmen.

Der Friedensfilmpreis wird am Sonntag zum 25. Mal verliehen, in der Akademie der Künste am Hanseatenweg. Schirmherrin des Preises ist die IPPNW. Das Preisgeld wird von der Heinrich-Böll-Stiftung zur Verfügung gestellt. www.

Neues Deutschland
Berlinale Blog des ND: www.neues-deutschland.de/rubrik/berlinale-2010

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