Mittwoch, 12. Dezember 2018
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Wilma Pradetto und Michael Schorr

wilma und michael

»DENN ES IST EIN FRIEDENSFILMPREIS UND KEIN FRIEDENSPREIS«

Eine Besonderheit der Friedensfilmpreisjury ist von je her, dass sich die Gruppe aus filmbegeisterten Menschen aus der Friedensbewegung und aus Fachleuten vom Film zusammensetzt. Im Laufe der Jahre haben Filmemacherinnen und Filmemacher mitgearbeitet, die heute den deutschen Film oder auch das deutsche Fernsehen prägen: Andreas Dresen, Andreas Kleinert, Hans Weingartner und Chris Kraus, dessen Film "Vier Minuten" zu Jahresbeginn überall Aufsehen erregte.
Auch in diesem Jahr konnte die Initiative Friedensfilmpreis zwei namhafte FilmemacherInnen neu für die Mitarbeit in der Jury gewinnen: Wilma Pradetto und Michael Schorr. Wilma Pradetto, in Graz geboren, Absolventin der DFFB, ist bekannt als Autorin und Regisseurin von TV-Dokumentarfilmen. Ihr Film "Beruf Lehrer", eine Produktion der Berliner Odyssee-Film für den SWR, ist für den diesjährigen Adolf-Grimme-Preis, den renommiertesten deutschen Fernsehpreis, nominiert. Michael Schorr, 1965 im rheinland-pfälzischen Landau geboren, studierte Musik, Philosophie und Film - letzteres an der HFF Babelsberg. Für sein Spielfilmdebüt "Schultze Gets The Blues" erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, unten anderen den Preis der deutschen Filmkritik für das "Beste Debüt 2004", und eine Nominierung für den Golden Globe in der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film". Michael Schorrs zweiter Kinofilm "Schröders wunderbare Welt" lief gerade beim Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg.

Wilma und Michael, zunächst herzlichen Dank, dass Ihr trotz zahlreicher aktueller Aufgaben entschieden habt, in diesem Jahr in der Friedensfilmpreis-Jury mitzuarbeiten. Ist das Euer Debüt als Jurorin und Juror?

Wilma: Für mich ist das ein Debüt, ich war noch nie in einer Jury.
Michael: Ich war mal vor sehr vielen Jahren in der Jury von einem kleinen Festival in Mainz.

Was hat Euch an dieser Aufgabe gereizt?

Michael: Ich wollte schon immer mal auf der Berlinale ganz viele Filme gucken. Und ich fand die Aufgabe interessant, einen Film nach Kriterien auszusuchen, die über das rein Filmische hinausgehen.
Wilma: Das gilt für mich auch. Ich finde den Preis wichtig und finde es deshalb richtig toll, dass ich in der Jury mitmachen kann. Und als Filmemacher wollte ich auch einmal sehen wie das ist, wenn man über die Filme spricht: Wie man über die Filme spricht und wie man sich dann schließlich für einen Film entscheidet. Es gibt ja immer mehrere gute Filme, und ich wollte die Diskussion darüber, für welchen sich man dann letztendlich gemeinsam entscheidet, einmal miterleben.

Was zeichnet für Euch einen Friedensfilm aus? Sind für einen Friedensfilm auch filmische Standards wesentlich oder  nur der Inhalt?

Wilma: Als Filmemacher würde ich grundsätzlich sagen, dass man auch die Form berücksichtigen muss, nicht nur den Inhalt. Denn es ist ja ein Friedensfilmpreis und kein Friedenspreis. Aber so etwas muss man dann auch gründlich diskutieren und bewusst entscheiden: Ist der Film sehr wichtig, aber formal nicht so gelungen, könnte ich mich auch dann für ihn entscheiden?
Michael: Das denke ich auch. Zum einen finde ich es immer wichtig, ein Thema angemessen umzusetzen. Man kann, auch wenn das Thema wichtig ist, total viel verlieren, wenn man keine ihm angemessene Form findet. Aber wenn man jetzt zwei Filme hat, von denen der eine formal ein bisschen besser ist gegenüber einem anderen, bei dem vielleicht die erzählte Geschichte oder die porträtierte Person stärker und wichtiger ist, dann wäre ich auch nicht sicher, wie ich entscheiden würde. Das ist dann wirklich eine von-Fall-zu-Fall-Entscheidung.
Wilma: Wir hoffen, dass bei dem diesjährigen Friedensfilmpreis-Film beides zusammengeht.

Auf der Berlinale werden in diesem Jahr 375 Filme gezeigt - ein riesiges Angebot. Ihr habt in der Jury bei der Vorauswahl der Filme einen Einblick in die Themenvielfalt nehmen können, und habt inzwischen ja auch schon viele Filme gesehen. Vermisst Ihr ein Thema,  das Euch am Herzen liegt? Seid Ihr zufrieden mit dem Angebot  oder findet Ihr die Berlinale-Themen auch „Retro“ – wie in den Kritiken zu lesen war?

Wilma: Ich hatte mir in den Jahren zuvor bei der Berlinale vor allem Filme aus dem Programm des Forum sowie die deutschen Filme angeschaut – auch unter dem Gesichtspunkt, dass man viele dieser Filme später nicht mehr sehen kann. Jetzt haben wir in der Jury, bei unserer Vorauswahl, so viele Filme mit politischem Hintergrund im  Wettbewerb gefunden. Das ist erstaunlich. Ob diese Filme jetzt gut sind oder nicht ist noch die Frage, aber es gibt sehr viele, und ich finde, der Wettbewerb ist  sehr politisch geworden.
Michael: Mir fällt auf, dass es in vielen Filmen um Schuld, Sühne und Vergebung geht. Jemand hat sich schuldig gemacht und bittet dann um Vergebung und leistet Sühne. Vielleicht hat das ja etwas mit der aktuellen Situation zu tun, gerade auch auf der US-amerikanischen Seite. In deren Filmen werden viele Themen aufgegriffen, die das Land, seine Geschichte und seine Politik kritisch beleuchten.

Wilma, Du bist Dokumentarfilmerin, und Michael, Du hast Dokumentarfilme und Spielfilme gedreht. Kann Eurer Meinung nach ein Dokumentarfilm die politische Realität besser abbilden, ein politisches Anliegen klarer vertreten als ein Spielfilm? Ist der Dokumentarfilm der politische Film und der Spielfilm der unterhaltende?

Michael: Das kommt auf den Film an. Ich kenne auch viele Dokumentarfilme, die sehr wenig von der Realität abbilden. Es kommt wirklich auf die Machart an, da gibt es keinen prinzipiellen Unterschied.
Wilma: Dokumentarfilm der politische und Spielfilm der unterhaltende - das sehe ich überhaupt nicht so, im Gegenteil. Man kann mit einem Spielfilm aufgrund des Mittels der Fiktion manche Aussagen wirksam verstärken oder auch besser komprimieren. Zum Beispiel der Film „The Good Shepherd“. Allerdings habe ich auch festgestellt, dass es, nachdem ich zunächst bei der Berlinale viele Spielfilme gesehen habe, dann richtig erfrischend war, endlich einen Dokumentarfilm zu sehen. Da spürt man einfach das echte Leben.

Welcher Film war das?

Wilma:  Z.B. der Film über die Kreuzberger Mädchen, "Prinzessinnenbad". Der hat soviel gezeigt von der Realität heute, nebenan in Kreuzberg.
Michael:  Als Dokumentarfilmer ist man jetzt manchmal in der etwas absurden Situation, dass vom Dokumentarfilm verlangt wird, er müsse unterhaltsam sein. Und vom Spielfilm wird verlangt, dass er politisch sein muss. So wird – gegenüber früher – jetzt das Ganze auf den Kopf gestellt. Ich finde es schwierig, wenn man beim Dokumentarfilm gezwungen wird zu sehr zu dramatisieren, bloß weil man solchen Unterhaltungsschemata entsprechen soll. Das endet dann in solchen semi-inszenierten Geschichten, die ich ganz übel finde. Und letztlich laufen all solche Forderungen, dass der Dokumentarfilm konsumierbarer sein muss, darauf hinaus, dass er sich immer mehr der Fiktion annähert. Damit verliert er dann, wie Wilma gesagt hat, auch das Erfrischende. Da ist man heute als Dokumentarfilmer oft ganz schön unter Druck, viel mehr als noch vor vielleicht zehn Jahren.

Gibt es unter den vielen Filmen, die Ihr in Eurem Leben bislang gesehen hat, einen , der Euch als "Friedensfilm" nachdrücklich in Erinnerung ist?

Wilma: Da fällt mir "The Deer Hunter" ein, ein Film der mich unglaublich bewegt hat. Das ist für mich ein Antikriegsfilm wie kein anderer.
Michael: Mich hat als Kind oder Jugendlicher  "Im Westen nichts Neues" sehr beeindruckt.

Danke für dieses Gespräch und noch viel Freude bei der Arbeit in der Friedensfilmpreis-Jury.

Das Interview führte Ulla Gorges 2007.

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