Mittwoch, 12. Dezember 2018
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Jutta Limbach

"Gewalt ist keine Konfliktlösung"

Jutta Limbach

PROF. DR. JUTTA LIMBACH: »GEWALT IST KEINE KONFLIKTLÖSUNG«

Als Laudatorin für ihren 22. Preisträgerfilm konnte die Initiative Friedensfilmpreis Professor Dr. Jutta Limbach gewinnen. Vor 72 Jahren in Berlin geboren, hat Jutta Limbach bis heute die juristische und politische Landschaft der Bundesrepublik mitgestaltet: Professorin für Bürgerliches Recht und Rechtssoziologie an der Freien Universität Berlin, Justizsenatorin in der Berliner rot-grünen und der schwarz-roten Koalition, Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts. Seit 2002 ist Jutta Limbach Präsidentin des Goethe-Instituts.
In dessen weltweit 129 Niederlassungen werden täglich rund 70 Filme gezeigt - mehr als 700 versammelt das Institut in seiner Filmothek. Darunter sind Dokumentationen über Leben und Arbeitswelt in Deutschland, aber auch viele Spielfilme, die das künstlerische Filmschaffen in Deutschland darstellen. Das Institut fördert auch das Filmschaffen weltweit, zum Beispiel durch einen Internationalen Kurzfilmwettbewerb. Jetzt, aktuell zum 60. Jahrestag der Erklärung der Menschenrechte waren junge Filmemacherinnen und Filmemacher aufgefordert, sich mit den Themen Freiheit und Gleichheit, Würde und Recht auseinander zu setzen.
Auf der Berlinale ist das Goethe-Institut vielfältig vertreten: durch seine Unterstützung des Talent-Campus sowie mit eigenen Veranstaltungen wie zum Beispiel der feierlichen Präsentation der DVD-Gesamtedition Alexander Kluge am 15. Februar. Und das Goethe-Institut unterstützt das Projekt World Cinema Fund, der drei Filme gefördert hat, die auf der Berlinale zu sehen sind: "El Otro", eine argentinisch-französisch-deutsche Koproduktion, der kurdische Film "Dol" und "Faro, la Reine des Eaux" aus Mali.

Frau Professor Limbach, gehen Sie eigentlich gerne ins Kino? Sind Sie ein passionierter Filmfan oder lesen oder hören Sie lieber?

Zwar lese ich am liebsten. Ich gehe aber auch gern ins Kino. Besonders liebe ich das Capitol Berlin-Dahlem, wo ich jüngst "The Queen" und "Vitus" gesehen habe. Die dort gezeigten Filme sind immer gut ausgewählt, das Publikum ist kultiviert und belästigt die Nachbarn nicht durch das Essen von Popcorn.

Könnten Sie einen Film nennen, den Sie, vielleicht vor langer Zeit gesehen haben, der einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat? Und haben Sie einen Lieblingsfilm?

Ich verehre Luis Bunuel. "Die Milchstraße" ist der Film, der auf mich einen bleibenden Eindruck gemacht hat. Ich könnte ihn immer wieder sehen. Doch leider wird er so selten gezeigt. Mein Lieblingsfilm ist die Verfilmung des Buches von Margaret Mitchell "Vom Winde verweht". Dieser Film hat mich als Teenager überwältigt und ich kann mir noch heute die Gefühle in die Erinnerung rufen, die er seiner Zeit in mir ausgelöst hat.
 
Film spielt in der Arbeit des Goethe-Instituts eine sehr große Rolle, wir haben das im Vorspann dargestellt. Welche Bedeutung messen Sie dieser Filmarbeit bei - auch im Gegenüber oder im Miteinander von anderen Aktivitäten, wie Lesungen, Ausstellungen, Konzerten?

Filme spielen in der Arbeit der Goethe-Institute eine prominente Rolle. Dieses Medium der Kunst spricht alle Generationen an. Außerdem sind Filme leicht und kostengünstig transportierbar, etwa im Gegensatz zu einer Theatertruppe. Auch ist der Film eines der Kunstwerke, das am besten perfektionierbar ist. Einmal in Hochform auf den Filmträger gebrannt, bewahrt der Film seine Qualität.

Es gibt für einen Friedensfilm keinen festgelegten Kriterienkatalog, die jeweilige Jury entwickelt die Standards stets neu - in der Diskussion untereinander und auch mit Blick auf das Filmangebot der Berlinale. Was wünschen Sie sich von einem Friedensfilm?

Ein Friedensfilm sollte die klare Botschaft vermitteln, dass Gewalt kein Mittel der Konfliktlösung ist.
 
Sie haben in ihrem Leben beruflich und politisch deutliche Männerdomänen erobert: Jura-Professorin, Justiz-Senatorin, Sie waren die erste Frau an der Spitze des Bundesverfassungsgerichtes und sind auch die erste Präsidentin des Goethe-Instituts. Die Mehrzahl der Filme auf der Berlinale sind Werke von Männern. Die bisherigen Friedensfilmpreisträger sind zwar auch mehrheitlich Werke von Regisseuren (13 von 21), aber das Verhältnis ist ausgeglichener als bei dem Filmangebot dieses oder anderer Festivals. Denken Sie, dass Regisseurinnen mit ihren Themen und ihrem Blick auf die Welt eher einen Friedensfilm schaffen als ihre männlichen Kollegen?

Gewiss haben Frauen besondere Sensibilität für das Phänomen der Gewalt. In Kriegen sind sie vielfach Opfer männlicher Gewalttätigkeit. Gleichwohl meine ich nicht, dass das weibliche Geschlecht eher das Talent besitzt, einen Friedensfilm zu drehen. Es mag sein, dass Männer andere Mittel der Überzeugung wählen, etwa Gewalt eher durch das Zeigen von Brutalität auszutreiben versuchen.
 
Sie haben die Aufgabe, sich innerhalb eines Tages auf eine Laudatio auf einen Film vorbereiten zu müssen, den Sie nicht mit ausgewählt haben, sondern denen Ihnen eine Jury als ihren Favoriten präsentiert. Was machen Sie, wenn Ihnen der Film persönlich nicht gefällt?

Sollte mir der von der Jury ausgewählte Film persönlich nicht gefallen, würde ich das der Jury sehr liebenswürdig zu verstehen geben. Aber ich würde zugleich nach guten Gründen suchen, die diese Meinungsverschiedenheit erklären und gleichwohl nach Gesichtspunkten suchen, die die Jury bewogen haben könnten, sich für diesen Film zu entscheiden.

Das Interview führte Ulla Gorges 2007.

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