Mittwoch, 12. Dezember 2018
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Dieter Kosslick

Leiter der Internationalen Filmfestspiele Berlin

Dieter Kosslick

"Die Berlinale passt gut zum Friedensfilmpreis"

Dieter Kosslick, Leiter der Internationalen Filmfestspiele Berlin, zum politischen Film, zum Umgang mit dem Krieg, zur Rolle der 19 unabhängigen Jurys und zur Bedeutung des Friedensfilmpreises.

Der Eröffnungsfilm der letzten Berlinale – im Vorfeld des Irak-Krieges – war das Musical "Chicago". Dieses Jahr ist der Eröffnungsfilm das Bürgerkriegs-Epos "Cold Mountain". Ist die Berlinale dieses Jahr politischer, gar friedenspolitischer geworden?

    „Chicago“ war natürlich der ideale Eröffnungsfilm. Ja, er machte gute Stimmung, ja, er kam aus Amerika. Aber er zeigte auch die Machtverteilung im Showgeschäft, die Verlogenheit, die Sensationslüsternheit, dieses plötzliche Abkehren von zuvor hoch gehandelten Personen innerhalb Sekundenschnelle. Ich habe diesen Film schon anders gesehen als Sie. Auch „Chicago“ war politisch. „Cold Mountain“ ist ein Film über den amerikanischen Bürgerkrieg, aber es ist kein typisch amerikanischer Film. Der Regisseur, Anthony Minghella, ist Engländer, der Film ist eine rumänisch-englisch-amerikanische Coproduktion. Es ist ein politischer Film. Die Berlinale ist politisch, und sie ist natürlich mit mir nicht weniger politisch geworden. Die politische Dimension hat bei den Filmfestspielen Tradition – ob das nun die Mauer war, ob das die früher verbotenen Filme aus den osteuropäischen Ländern waren, ob es die verbotenen asiatischen Filme waren, ob es die Anti-Isolations-Kampagne von den Amerikanern und den Deutschen zur Gründung des Festivals war. Politik und Berlinale gehören zusammen – der Anteil der Politik ist eben einmal weniger, einmal mehr.

Dieses Jahr ist es also mehr?

    Dieses Jahr ist aus irgendwelchen Gründen zwar auch wieder nicht mehr als letztes Jahr, aber man hat das Gefühl, es sei so.

Jetzt stellen Sie aber das Festival-Licht unter den Scheffel: Migration ist ein Thema des Kinderfilmfests, die deutsch-französischen Beziehungen werden thematisiert, Schwerpunkt ist unter anderem Südafrika ...

    Ich würde ja gern eindeutig sagen: „Ja, so ist es!“ Aber das wäre ein bisschen zu einfach erzählt. Ich meine, hier steht ein alter Achtundsechziger an der Spitze. Wieland Speck vom Panorama kämpft seit Jahren für die Rechte der Homosexuellen und es gibt viele andere, die sich engagieren. Selbstverständlich haben wir gewisse Ansichten und Ansprüche und programmieren dementsprechend. Das ist natürlich durch diesen Direktor noch verschärft worden und so ist es auch richtig. Es stellt sich auch die Frage, wie „politisch“ definiert wird. Es gibt viele Filme im Festival, bei denen man meinen könnte, die wären nicht politisch. Eine Beziehungsgeschichte mit gesellschaftlichen Verwerfungen ist aber für mich auch ein politischer Film. Um einmal die Frage anders herum zu beantworten: Wir gucken erst einmal auf den Film. Ein langweiliger, blöder Film kommt bei uns nicht ins Programm, nur weil er politisch ist.

Die FAZ hat den Filmfestspielen im letzten Jahr vorgeworfen, den angemessenen Umgang mit dem Krieg im Irak nicht gefunden zu haben. Kann ein kommerzielles A-Festival aktuelles Zeitgeschehen einbinden und politisch wirken?

    Ich bin sehr froh, dass die Berlinale im Umgang mit dem Krieg nicht geübt ist. Und ich war sehr froh, dass die Berlinale letztes Jahr noch die große Chance hatte, sich vor dem Krieg zu äußern. Gleichzeitig zu den Demonstrationen auf der Straße haben Filmteams während der Berlinale Filme gegen den Krieg gedreht. Wir haben dieses Jahr keinen so aktuellen politischen Vorgang, und das spiegelt sich Gott sei Dank auch in den Filmen wieder. Die Filme sind leiser in ihrer politischen Aussage – außer bei denen aus Lateinamerika und Südafrika. Die meisten Leute haben vergessen, wie brutal es in Südafrika während der Apartheid war. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern. Wenn es Filme gibt, die dieses Erinnern hervorrufen und die noch dazu gut sind, dann programmieren wir sie. Ein anderes Beispiel: Ich habe mir den Film „Digna hasta el ultimo aliento“ angesehen, der von der wahren Geschichte einer Menschenrechtsanwältin in Mexiko berichtet. Ich saß da und dachte: „Ich hab davon noch nie gehört.“ In Mexiko kennt jeder Digna Ochoa y Placido. Und ich sagte mir, das Schicksal dieser Frau bringen wir jetzt auf die Berlinale, leider im Nachhinein, leider ist sie tot. Diesen Film zeigen wir, damit die ganze Welt sieht, dass man Widerstand leisten kann. Der Film läuft aber auch, damit man sieht, dass es offensichtlich starke Institutionen, Gruppen und Personen gibt, die es geschafft haben, diese Frau aus dem Weg zu räumen.

Ein thematischer Sprung: Jedes Jahr scheinen bei den Filmfestspielen ein oder zwei Jurys und Preise hinzuzukommen. Welche Rolle haben für Sie die Nebenjurys?

    Für mich als Festivaldirektor sind sie bestimmt nicht von so großem Wert wie für die Filme, die von ihnen ausgezeichnet werden. Da es sehr unterschiedliche Preise sind, werden auch sehr unterschiedliche Zielgruppen angesprochen. Und das ist das Gute, sonst hätten wir das gestoppt. Es gibt neben der Internationalen Jury weitere 19 unabhängige Jurys. Dieses Jahr werden wohl insgesamt 42 Preise vergeben werden. Wie wichtig wir aber die Arbeit der Jurys nehmen sehen Sie daran, dass wir sie seit drei Jahren nicht mehr „Nebenjurys“ nennen, sondern „unabhängige Jurys“. Kontrollieren kann ich die nicht mehr.

Ohne Kontrolle entscheiden zu können, macht eine unabhängige Jury ja auch aus.

    Ich kann ja nicht mal meine eigene Jury kontrollieren, wie ich in den letzten zwei Jahren gemerkt habe. Wichtig ist: Die Preise der unabhängigen Jurys helfen – gerade weil sie sehr spezifisch sind – als Marketing-Instrument, das darf man nicht vergessen. Die Vermarktung in speziellen Zielgruppen wird dadurch erleichtert. Solange wir öffentliche Mittel bekommen, haben wir auch eine Verantwortung der Öffentlichkeit gegenüber. Und die gesellschaftliche Verpflichtung des Festivals besteht unter anderem darin, dafür zu sorgen, dass möglichst viele Leute gute und anspruchsvolle Filme sehen. Insofern sind die Jurys und die Preise für Filme und ihre Macherinnen und Macher sehr wichtig.

Der Friedensfilmpreis wird im nächsten Jahr 20 Jahre alt. Welche Bedeutung hat er für die Filmfestspiele?

    Na, offensichtlich eine größere als früher, denn dieses Mal bekommt der Friedensfilmpreis ein eigenes Kästchen im Programmheft. Ich denke, dass der Friedensfilmpreis zu dem Festival ziemlich gut passt und wir zu dem Friedensfilmpreis gut passen. Die Berlinale beschäftigt sich mit den realen Problemen der Welt, und dazu gibt es große und kleinere Veranstaltungen. Zu diesen Aktivitäten gehört auch der Friedensfilmpreis – er hat in diesem Zusammenhang einen großen Stellenwert.

Aus friedenspolitischer Sicht: Welche Filme muss man am Ende der Berlinale gesehen haben?

    Den Friedensfreunden kann ich einiges empfehlen. Im offiziellen Programm ist der Film von Fernando Solanas, „Memoria del Saqueo“, ein Muss. Natürlich steht „Digna hasta el ultimo aliento“ auf der Liste. Man sollte in die südafrikanischen Filme gehen und auch in den einen oder anderen amerikanischen Film wie „Missing“ oder „Cold Mountain“, in denen es ja um Krieg geht. Und wenn es bei uns, bei der Berlinale, um Krieg geht, dann meinen wir auch Frieden. Wenn wir einen Film über Krieg zeigen, dann zeigen wir ihn natürlich in der Absicht, dass die Zuschauer motiviert werden, sich für den Frieden zu engagieren. Ich meine das auch als Cineast. Es geht ja nicht nur darum, dass man sich irgendetwas anschaut, was politisch korrekt ist. Es geht vielmehr darum, dass man entweder auf der Ebene der Reflexion oder der Emotion oder auf beiden Ebenen ein Erlebnis hat, was einen zum Nachdenken bringt.


Das Gespräch führten Boris Buchholz und Ulla Gorges 2004.

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