Mittwoch, 12. Dezember 2018
You are here: RENAC International | Stimmen

Thomas Hailer

Langjähriger Leiter des Kinderfilmfests

Thomas Hailer

Politische Filme im Kinderfilmfest: »Unglaubliche Ignoranz«

In den Filmen des Kinderfilmfestes sterben Kinder und Erwachsene, Minen explodieren, Waisen müssen überleben, Menschen werden geschleust. Über ein ambitioniertes politisches Programm sprachen Ulla Gorges und Boris Buchholz mit Thomas Hailer, Leiter des Kinderfilmfestes der Berlinale.

Kinder haben nicht die höchste Rangordnung in der unserer Gesellschaft. Stimmt das für Kinderfilme auch? Ist das Interesse nicht so groß wie beim Erwachsenenfilm?

    Ja, ich glaube jede Gesellschaft hat die Filme, die sie verdient oder sich verdient. Deutlichstes Beispiel dafür ist unser neuer Jugendfilmwettbewerb 14plus. Von neun Spielfilmen kommt in diesem Jahr keiner aus Deutschland, aber drei aus Schweden, das sagt schon etwas. Es gab dort schon immer eine starke Jugendkultur, und die Filmbranche ist ganz anders organisiert und motiviert. Die deutsche Filmindustrie ist in dieser Hinsicht ängstlich, geradezu verschnarcht. Und das, obwohl ich viele viele mittelständische Unternehmen kenne, die sich liebend gerne dem skandinavischen Modell anschließen würden. Aber dafür braucht man ein sehr vernetztes System.

Was genau ist das Kriterium für einen Kinderfilm oder für einen Jugendfilm? Das Alter der Hauptdarsteller?

    Das Hauptkriterium für einen Kinderfilm ist, dass er eine tolle Geschichte erzählt. Ein guter Film ist ein guter Film, ganz unabhängig davon, an welche Zielgruppe er sich richtet. Der Film muss filmsprachlich sauber und cinematographisch auf höchstem Niveau sein. Für mich ist wichtig, dass ich anders aus dem Kino herauskomme als ich hineingegangen bin. Zum Zweiten gehen wir davon aus, dass Kinder am liebsten Kindern dabei zuschauen, wie sie die Probleme, die ihnen das Leben zuspielt, meistern. Deswegen sind in den meisten Filmen in unserem Programm Kinder beziehungsweise Jugendliche die Hauptdarsteller. Dass wir wie in diesem Jahr ein deutlich politisches Programm zusammengestellt haben, ist keine Absicht. Es sind einfach die weltweit besten Filme, und dieses Jahr haben wir eine überwältigende und für mich schon fast erdrückende Mehrheit dabei, die sich thematisch mit Kindheit und Krieg auseinander setzen.

Ein Beispiel dafür ist „Innocent Voices“ ...

    Wir haben 14plus mit „Innocent Voices“ von Luis Mandoki eröffnet. Das ist ein außergewöhnlicher Film, der im Bürgerkrieg in den 80er Jahren in El Salvador spielt. Oscar Torres, der Autor, erzählt darin seine eigene Geschichte: Schon die 12-jährigen Jungen wurden von den Regierungstruppen eingezogen, um eine eventuelle revolutionäre Energie im frühesten Stadium zu brechen. Die Kinder, die Opfer des Krieges in El Salvador waren, sind heute erwachsen und jeder Hundertste wird Künstler, Drehbuchautor oder Regisseur. Von denen benutzt wieder jeder Hundertste den kostbarsten Schatz, den jeder Künstler in sich hat: das eigene Leben, die eigene Erfahrung. Ähnlich ist es bei Bahman Ghobadi. Sein „Turtles can Fly“ ist ein unglaublich starker Film, der genau so im Panorama oder im Wettbewerb laufen könnte. Wir haben aber bei der Berlinale die Losung, dass jeder Film in der Sektion gezeigt werden soll, wo er die größtmögliche Durchschlagswirkung in Richtung Publikum entwickeln kann. „Innocent Voices“ und „Turtles can Fly“ sind exakt das, was ich 14-jährigen aufwärts zeigen möchte.

Der Friedensfilmpreis hat ja den Anspruch, dass er – anders als andere Preise – alle Sektionen der Berlinale berücksichtigt. 19 Jahre lang wurde jedoch noch kein Kinderfilm ausgezeichnet. Hat das damit zu tun, dass politische Filme erst in den letzten Jahren beim Kinderfilm vertreten sind?

    Nein. Das hat eher etwas mit einer unglaublichen Ignoranz gegenüber Kindheit, gerade bei Intellektuellen, zu tun. Das ist verheerend. Nach Presse-Screenings muss ich Journalisten noch heute beruhigen – die sind völlig fertig, dass sie gerade einen guten Film gesehen haben, weil das ganz gegen ihre Erwartung geht. Es stimmt ja: Wir haben auch die fliegenden Schweinchen, und wir haben für die Fünfjährigen auch den sprechenden Pelikan und die großen Appelle an Toleranz und gesellschaftliche Werte. Aber wir verstehen uns ganz klar als politisches Festival.

Gibt es denn in den Jurys des Kinderfilmfestes Diskussionen um politische Zusammenhänge?

    Natürlich, es ist Kindern ein Hauptvergnügen, die Filme rauszupicken, von denen garantiert achtzig Prozent der Erziehungsberechtigten sagen: Das ist aber gar kein Kinderfilm. Das ist ja das Dilemma. Es herrscht bei uns die Haltung vor, dass man sich zu Kindern freundlich herunter neigt. Und genau diese herablassende Haltung hassen Kinder wie die Pest. Deswegen sind sie in unseren Jurys auch so glücklich, weil wir sie ernst nehmen und weil wir ihnen mit den Filmen ein ordentlich hartes Brot zu kauen geben.

Ein Film wie „Innocent Voices“ ist wahrlich harte Kost.

    Die Kinder und Jugendlichen diskutieren nach dem Film über das Schicksal der Kindersoldaten. „Innocent Voices“ wird so erzählt, dass die Frage sehr nahe liegt: Und wenn es mich jetzt erwischen würde? Was würde ich machen? Würde ich vor meinem zwölften Geburtstag zu den Partisanen gehen oder würde ich mich von den Regierungstruppen einkassieren lassen? „Innocent Voices“ könnte ich im Kinderfilmfest nicht zeigen, weil es eine Szene gibt, wo zwei Kinder exekutiert werden. Für 14plus ist er aber genau richtig. Und natürlich nehmen Kinder das politisch wahr. Sie sind doch der ganzen Nachrichtenschwemme ausgeliefert und interessieren sich wahnsinnig für den Tod. Und es gibt ganz wenige Erwachsene – ich nehme mich da gar nicht aus –, die es in Ordnung finden, über diese Dinge in einer angemessenen Form zu reden.

Ihre Zielgruppe sind Menschen ab fünf. Was sagen Erwachsene zu „Ihren“ Kinder- und Jugendfilmen?

    Der erwachsene Fankreis wird jedes Jahr größer. Viele, die sich mit unserem Programm auseinandersetzen sagen „wow“, sind überrascht, begeistert und kommen wieder.

Andreas Dresen hat einmal gesagt, dass ein Friedensfilm so etwas wie Herzensbildung betreiben muss.

    Das ist eine schöne Beschreibung. Herzensbildung findet bei uns für Kinder, Jugendliche und Erwachsene statt. Wir sind überzeugt davon, dass Filme wie „Turtles can Fly“ bei der Berlinale aufs allgemeine Tableau gehören. Das sind die Filme, bei denen wir gerne wollen, dass über sie später zu Hause oder auf dem Schulhof geredet wird. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Nach so einem Film kann man miteinander in Dialog treten und zwar nicht nur unter sich, sondern auch zwischen den Generationen.

Ist für Sie der Kinderfilm nur ein Zwischenspiel? Haben Sie vor, in einigen Jahren beispielsweise das Forum zu leiten?

    Ob ich in fünf Jahren noch das Kinderfilmfest leite, weiß ich nicht. So ein Festival kann man nicht ewig machen, in dem Sinne ist es ja kein Beruf, eher ein Geisteszustand. Hier und heute ist das, was ich tue, aber mein Traumjob.


Das Interview führten Ulla Gorges und Boris Buchholz 2005.

zurück