Mittwoch, 12. Dezember 2018
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Robert Thalheim

Regisseur, Laudator des Friedensfilmpreises 2009.

Robert Thalheim

„Ich glaube an die Kraft von Filmen“

Herr Thalheim, Sie sind Theaterregisseur und Stückeschreiber, ein vielfach ausgezeichneter Filmemacher, Sie waren Herausgeber eines Kulturmagazins und sind Mitautor eines Buches – fehlt etwas?

    Ich bin seit eineinhalb Jahren Vater. Mein Sohn ist neben der Arbeit ein weiterer Hauptbestandteil meines Lebens – ich bin gerade dabei, herauszufinden, wie man beides ausgleichen kann, wie man beide Rollen gut erfüllen kann.Sind Ihnen alle Ihre kreativen Standbeine gleich wichtig – Schreiben, Theater, Film – oder kristallisiert sich eine Vorliebe heraus?


    Als ich an der „Filmhochschule Konrad Wolf" anfing und begann mit Schauspielern zu arbeiten, hatte ich für die Zeitschrift keine Zeit mehr. Im Filmschaffen fühlte ich mich mehr zu Hause, und ich merkte auch, dass Filme im Vergleich zum Schreiben einen ganz anderen Wirkungsradius haben.

Aber Theater ist für Sie ebenfalls sehr aktuell: Sie haben gerade am Maxim-Gorki-Theater ein Stück inszeniert ...

    Bei der Theaterarbeit mache ich ganz andere Erfahrungen als beim Film. Ich genieße die direkte Zusammenarbeit mit den Schauspielern im dunklen Raum. Am Ende des Tages hat man drei Szenen gemacht, die gibt es dann, die sind dann in der Welt. Bevor man eine Szene für das Kino dreht, vergehen Jahre: Man hat die Idee, dann muss man das Drehbuch schreiben und so nach drei Jahren wird dann die Szene gefilmt. Plötzlich sind fünfzig Leute um einen herum, die Sonne steht falsch, die Zeit läuft weg, die Beleuchter müssen zum Mittag. Für solche dreißig Minuten hat man dann drei Jahre gekämpft. Deshalb habe ich jetzt sehr gerne wieder Theater gemacht. Anfang Februar war die Premiere und jetzt sitze ich hier und denke: "So, vorbei". Ein Film dagegen bleibt für immer. Neulich abends lief "Netto" im Fernsehen und meine Nachbarin hat den zufällig zum ersten Mal gesehen. Sie hat mich plötzlich ganz anders im Treppenhaus angeguckt und mich sogar in den Arm genommen – nicht weil ich so ein toller Filmregisseur wäre, sondern weil sie der Film so berührt hat.
    Ich liebe es, Geschichten weiter zu erzählen, die auch mich selber berühren. Das sind oft ganz kleine Dinge, aber um diese Wert zu schätzen ist Kunst da. Und das ist ähnlich, im Theater und im Film.

Rosa von Praunheim, heißt es, sei ein Vorbild für Sie. Warum?

    Rosa von Praunheim war mein Lehrer an der Filmhochschule. Er hat mich – im Unterschied zu Andrzej Wajda – nicht als Filmemacher geprägt, aber als beeindruckende Künstlerpersönlichkeit und als wirklich toller Lehrer. Er hat immer gesagt, dass er uns nicht das Filmemachen vermitteln könne. Aber er könne uns Erfahrungen nahebringen, die uns als Künstlerpersönlichkeiten weiterhelfen. Er ist mit uns dahin gegangen, wo das Leben ist: in einen Sado-Maso-Club, in die Gerichtsmedizin, zu Sozialarbeitern – und wir haben immer kleine Dokumentarfilme gedreht. Das war sein Unterricht. Er hat uns immer angespornt, mit einfachen Mittel zu arbeiten. Wir sollten dort hingucken, wo wir gerade stehen und uns nicht große Kamerafahrten und tolles Licht ausdenken. Auch wenn wir uns oft über Ästhetik gestritten haben und er oft kritisiert hat, was ich gemacht habe, hat er mich dadurch doch immer herausgefordert. So ist auch "Netto" entstanden: Rosa von Praunheim stellte für die Sommerferien die Aufgabe, einen Film mit zwei Personen zu machen, an einem Schauplatz, mit zehn Kassetten.

Wir freuen uns sehr, dass wir Sie in diesem Jahr als Laudator für den Friedensfilmpreis gewinnen konnten. War Ihnen der Friedensfilmpreis eigentlich schon vor unserer Anfrage ein Begriff?

    Ich habe von dem Preis schon vor langer Zeit gehört, über ein damaliges Jury-Mitglied. Ich fand immer toll, dass man das ganze Filmfestival, alle Sektionen, einmal thematisch durchforstet und das Programm neu zusammen stellt, indem man sich fragt: Welche Filme beschäftigen sich eigentlich mit Frieden und Friedenspolitik im weiteren Sinne? Auch gefiel mir bei der Auswahl der letzten Jahre, dass es nicht die offensichtlichen "message"-Filme sind. Ich glaube an die Kraft von Filmen, ihre Wirksamkeit in der Gesellschaft. Ich glaube nicht, dass Filme Kriege verhindern können. Aber ich glaube, dass sie als Seismographen für gesellschaftliche Zustände fungieren können. Dafür braucht man Leute, die solche Filme stark machen und genau hinschauen. Und solche Filme auch erklären, sie anderen Leuten zugänglich machen. Dafür steht für mich der Friedensfilmpreis: Aufmerksamkeit zu schaffen, ein Forum zu schaffen, auch anzuregen, bei einem Film genau hinzugucken.

Ist der Friedensfilmpreis für Filmemacher bedeutsam und begehrenswert?

    Man wäre sicher schlecht beraten, wenn man auf den Friedensfilmpreis  hinarbeiten würde. Aber ich habe ja selbst erfahren, wie wichtig eine sorgfältige Aufmerksamkeit für seinen Film ist. Insofern kann man gar nicht hoch genug einschätzen, was eine Preisvergabe einem Filmemacher an Kraft und an Rückenwind gibt.

Der Einfluss des Preises …

    … kann sehr groß sein. Als Beispiel: Ich arbeite gerade an einem neuen Filmprojekt, einer Komödie, die auch publikumswirksamer sein soll. Nun habe ich die Laudatio von Andreas Dresen auf Michael Winterbottoms Film "In this World" gelesen, der den Friedensfilmpreis 2003 gewann. In der Laudatio bewundert Andreas Dresen Michael Winterbottom für seinen Mut, diesen Stoff anzugehen, während er selbst nicht in die Krisenregionen der Welt fährt. Daraufhin habe ich noch einmal anders auf meinen Filmstoff geguckt, diese Komödie, und mich gefragt, was er denn mehr ist als Komödie, was er mehr erzählt, was denn das gesellschaftliche Anliegen ist. Ich habe mit dem Autor gerade lange darüber geredet und wir haben dadurch auch wieder neue Anregungen bekommen. Dass der Friedensfilmpreis dazu anregt, sich solche Gedanken zu machen, macht ihn sehr wertvoll.

Was ist Ihr persönlicher Friedensfilm?

    Da fällt mir ein Film ein, der mich in Bezug auf die NS-Geschichte sehr berührt hat: "Harold and Maude". Der hat offensichtlich gar nichts damit zu tun, ist vordergründig eine schräge Liebesgeschichte zwischen einer alten Frau und einem Jungen. Wenn man genau hinschaut, sieht man die tätowierte Nummer auf ihrem Unterarm. Und während der Junge das Leben düster sieht und sich in Todessehnsüchten verliert, bringt ihm die alte Frau, die KZ-Überlebende, die Freude am Leben zurück. Der Film ist ein großartiges Plädoyer für das Leben, den Humanismus, die Liebe. Das ist für mich ein ganz großer Friedensfilm.

Wenn Sie die bisher in 24 Jahren vom Friedensfilmpreis ausgezeichneten Filme Revue passieren lassen, sind viele davon schwermütig und dunkel. Ist das ein Makel?

    Nein, auch wenn ich gerne etwas Humor dabei habe. Ich bewundere Filme, die sich mit solcher Ernsthaftigkeit wie zum Beispiel „Turtles can Fly“ den Problemen stellen. Wenn man erschüttert aus dem Kino geht, finde ich das großartig. Das letzte Mal, als ich erschüttert aus dem Kino gekommen bin, war nach „Waltz with Bashir“. Dieser Film bringt die Kriegserfahrung wahnsinnig nahe: Es sind junge Israelis meiner Generation, die das Kriegstrauma mit sich herum tragen. Gerade über die Verfremdung durch die Zeichentrick-Ebene bringt der Film diese Erfahrungen nahe. Er findet ganz andere Bilder als wir in den Nachrichten sehen. Danach habe ich drei Tage lang mit allen, die ich getroffen habe, nur über Krieg gesprochen, mehr im emotionalen Sinne als im konkret politischen.

Was machen Sie, wenn Ihnen der von der Friedensfilmpreis-Jury gewählte Film nicht gefällt?

    Davor habe ich ein bisschen Angst, und das ist auch eine große Herausforderung. Ich wurde als Filmemacher angefragt. Also werde ich subjektiv darüber sprechen, was dieser Film mit mir gemacht hat und so die Leute auf den Film einstimmen. Da hätte ich keine Probleme auch meine Kritik zu äußern. Frieden erreicht man ja nicht, indem alle nur nett zueinander sind, sondern indem man über Kultur auch streitet und diskutiert.


Das Gespräch führten Ulla Gorges und Boris Buchholz.

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