Mittwoch, 12. Dezember 2018
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Mehdi Benhadj-Djilali

Regisseur, langjähriges Mitglied der Jury des Friedensfilmpreises

Mehdi Benhadj-Djilali

Friedensfilmpreis, engagiertes Kino – hast Du in der Richtung schon Vorläuferprojekte gemacht?

    Ja, ich finde es interessant, wie die Menschen ganz schnell an Institutionen glauben, anstatt tatsächlich ihre Lebenserfahrungen zu nutzen. Zum Beispiel der Bosnien-Konflikt: Menschen, die jahrelang Tür an Tür gewohnt haben, werden auf eimal Gegner, nur weil sie verschiedenen Ethnien angehören. Gleiches gilt bei Konflikten in Afrika oder im Nahen Osten. Im Nachbarn wird nicht das Menschliche gesehen, sondern man verfällt in ein Schubladendenken. Ich denke, dass man sehr interessante Ergebnisse bekommt, wenn man versucht, im Menschen etwas zu verändern, also hinter die Fassade zu schauen und eben nicht in dieses Schubladendenken zu verfallen. Ich habe zum Beispiel einen Kurzfilm gedreht, in dem ein junger palästinensischer Junge auf der Suche nach seinem Bruder nach Berlin kommt und dort mit einem älteren jüdischen Mann zufällig in Kontakt tritt, der ebenfalls ein kleines Problem hat. Beide sind auf der Flucht, und beide müssen sich helfen, um ihre Ziele zu erreichen. Flucht hat für mich eben keine Altersbeschränkung.


Das hört sich an, als ob Du ein Gegner vom Erhobenen-Zeigefinger-Kino bist?

    Ja, definitiv. Ich glaube nicht, dass der erhobene Zeigefinger etwas bringt, weil die Welt sehr komplex ist. Das sieht man auch auf der Berlinale. Man sieht so viele Filme, die aus allen Gegenden der Welt kommen, Situationen und Schicksale darstellen, und es gibt nie wirklich Patentlösungen. Es gibt auch grundsätzlich, abseits von Filmen, nicht immer nur eine Lösung für ein Problem.

Was würdest Du sagen, wenn man Dich fragt was Du gerade tust?

    Ich mache Filme, ich erzähle Geschichten, ich suche nach Geschichten, ich versuche die Welt zu begreifen. Ich bin überglücklich, Filme machen zu können, denn es ist für mich eine Möglichkeit, damit die Welt zu begreifen. Ich glaube, dass man nicht aufhören darf sich selber eine Meinung zu bilden.

Film ist für Publikum gemacht, enthält eine Weltsicht oder eine Botschaft. Manchmal scheint Film fast so etwas wie einen pädagogischen Auftrag zu transportieren.

    Da muss man aufpassen. Das Publikum ist kein Laienpublikum. Es kennt sehr viele Filme, kennt auch Szenen aus dem Leben – viele gehen ja nicht naiv ins Kino. Film ist eine unglaubliche Macht. Für manche ist es auch eine unglaublich starke Waffe. Wenn man sich moderne Kriege anschaut, laufen sie medial ab. Reporter reisen "embedded" in den Irak. Ich glaube, ein Filmemacher muss sich darüber im Klaren sein, dass wenn er einen Film macht, er diese Waffe, dieses Mittel gebraucht, und eine Verantwortung dafür hat.

Als Du gefragt wurdest, ob Du beim Friedensfilmpreis mitmachen möchtest - was für eine Vorstellung hattest Du da?

    Ich bin offen für neue Erfahrungen, springe auch gerne mal ins kalte Wasser und schaue was passiert. Die Haupteindrücke entstehen ja jetzt erst, bei der Auswahl der Filme. In Gesprächen mit den anderen Juroren kristallisiert sich ein bisschen heraus, in welche Richtung das geht. Ich bin gespannt auf die Gespräche, die wir in den nächsten Tagen haben werden, auf die Abschlussdebatte. Das ist ja ein Prozess.

Welchen Stellenwert hat für Dich der Friedensfilmpreis?

    Er ist für mich recht hoch. Ich glaube, dass extrem viele Filme politisch sind, wenn nicht alle. Die Unterteilung finde ich schwierig. Auch bei reinen Unterhaltungsfilmen nimmt man Haltungen auf, werden bestimmte Lebensweisen und -wege empfohlen. Letztendlich ist jeder Film ein politischer Film. Daher muss die Latte für den Friedensfilmpreis natürlich recht hoch sein, weil man den Preis nicht verwässern darf. Es gibt so viele Preise, die vergeben werden. So ein Preis muss eine Identität haben, eine Haltung. Zum Beispiel dass man sagt, wir prämieren diesen Film, obwohl er etwas sperrig  und nicht besonders unterhaltsam ist, weil seine Kernaussage extrem wichtig ist. Die Identität des Preises muss geschützt bleiben und immer wieder neu überprüft und hinterfragt werden.


Das Gespräch führten Ulla Gorges und Boris Buchholz 2009.

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