Mittwoch, 12. Dezember 2018
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Christoph Heubner

Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees und langjähriges Mitglied der Jury des Friedensfilmpreises

christoph heubner

»Das Schicksal aller muss im Blick der Filme sein«

Der Film "Die Fälscher" läuft im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale.Er beruht auf dem Erlebnisbericht "Des Teufels Werkstatt" desAuschwitz-Überlebenden Adolf Burger. Ariane Karbe sprach mit ChristophHeubner, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees und Mitglied der Jury des Friedensfilmpreises, darüber, welche Bedeutung Spielfilme bei der Erinnerung an die Schrecken des Holocaust künftig haben können.

Welche wahre Geschichte steht hinter dem Film "Die Fälscher"?

Adolf Burger, ein tschechischer Drucker wurde 1942 verhaftet und mit seiner Frau ins KZ Auschwitz gebracht. Er wurde dann zusammen mit anderen Graveuren und Druckern nach Sachsenhausen befohlen. Dort wurde eine Gruppe zusammengestellt, die für die Nazis Geld fälschen sollte. Der Film erzählt die Geschichte dieses Fälscherkommandos. Adolf Burger hat lange nach dem Krieg über seine Erinnerungen geschwiegen. Heute ist er einer der Aktivsten, wenn es darum geht, mit jungen Leuten zu sprechen. Er ist 90 Jahre alt, aber noch sehr agil und viel unterwegs, um in Schulklassen seine Geschichte zu erzählen. Er möchte den jungen Leuten vermitteln, was mit ihm geschehen ist, als er etwa so alt war wie sie heute sind.

Ist Ihrer Meinung nach ein Spielfilm ein geeignetes Medium, um an die Schrecken des Holocaust zu erinnern?

Die Überlebenden der Lager sind an dem Punkt sehr realistisch. Sie wissen, dass ihre Zeit langsam abläuft. Ihr Vertrauen in die Lernfähigkeit der Welt nach Auschwitz ist angesichts der Realität nicht sehr entwickelt. Sie sind befreit worden und hatten geglaubt, dass diese Welt wirklich Lehren ziehen würde aus dem, was in Auschwitz und in anderen Lagern geschehen ist. Jetzt sehen sie, dass ihre Erzählungen, ihre Warnungen, ihre Erinnerungen nötiger sind als direkt nach diesen Ereignissen, besonders in Blick auf junge Menschen. Eben weil sie realistisch sind, stellen sie sich die Frage, was nach ihnen kommen soll. Sie sagen: Nach uns muss unsere erzählte Geschichte kommen. Insofern sind Spielfilme ein Medium, das die Überlebenden für eigentlich das wichtigste Medium in der Zukunft halten, mit dem die Geschichte der Konzentrationslager und der Menschen in den Konzentrationslagern erzählt werden sollte. Ich habe vor zwei Jahren mit Simone Veil, der französischen Überlebenden, zusammen gesessen und sie hat sehr klar den Gedanken ausgesprochen, dass Filme in dieser Hinsicht in der Zukunft eine sehr große Wirkung haben werden.

Gibt es auch Bedenken von Seiten der Überlebenden, ob ein Spielfilm die Realität überhaupt angemessen wiedergeben kann?

Natürlich gibt es Ängste: ein Spielfilm! Werden Emotionen zu dick aufgetragen? Werden Nebenakzente zu Hauptakzenten? Wird die Fälscherwerkstatt wichtiger als der Tatort Konzentrationslager? Wird also eine Story aufgesetzt auf eine Geschichte, die viel mehr umfasst. Das ist die große Aufgabe für die Regisseure. Die Idee, dass mit zunehmender zeitlicher Distanz dieses Thema aus dem Interesse der Welt rückt – ein deutscher, irriger Traum –, ist völlig falsch. Es gibt immer mehr kreative Leute, die dieses Thema als eine Herausforderung empfinden. Eben deswegen erwarten die Überlebenden von den Regisseuren, Realismus und Emotion so zu verbinden, dass auch das Schicksal aller immer im Blick dieser Filme sein muss.

In dem Film "Die Fälscher" steht der Gewissenskonflikt im Vordergrund, dass die Häftlinge, die an der Fälscherwerkstatt mitgewirkt haben, in einer Art "goldenen Käfig" lebten. Wird in Adolf Burgers Erlebnisbericht diese Schwierigkeit auch thematisiert: ein Häftling zu sein, der unter besseren Verhältnissen im Lager leben durfte als die anderen?

Diese Fälscherwerkstatt entlarvt die Nazis als kriminelle Gauner, nicht nur als Mörder und Totschläger. Das ist für jeden Rechtsextremen heute natürlich eine Herausforderung zu wissen, dass die Nationalsozialisten Kriminelle und Verbrecher waren, die auch gefälscht haben und andere dazu benutzt haben. Ansonsten lebt natürlich jeder, der im Lager aufgrund der Tätigkeit, in die man ihn gepresst hat, bestimmte Privilegien genossen hat, mit dem Konflikt zu wissen: ich bin besser verpflegt, ich werde zu etwas benutzt, was den Krieg vielleicht sogar hilft zu verlängern. Das sind Konflikte, die ganz sicher bis heute belastend sind. Bis heute ist für jeden Überlebenden belastend, dass er lebt und nicht all jene, die vor seinen Augen in die Gaskammern gegangen sind. Viele kämpfen bis heute mit der Frage, warum ihre Eltern mit 33, 34 Jahren umgebracht werden mussten und sie heute mit 80 Jahren noch leben. Jeder hat bis zum Ende seiner Tage diesen Konflikt in sich mit zu tragen.

Sie haben erwähnt, wie wichtig es für die Überlebenden ist, dass Spielfilme die Funktion von Erinnerungsträgern übernehmen. Welche Beispiele dafür gibt es denn aus den letzten Jahren?

Die Beispiele werden natürlich unterschiedlich beurteilt. Aber „Schindlers Liste“ war ganz sicher ein Film, der alle sehr bewegt hat. „Das Leben ist schön“ ist etwas kontroverser, aber auch das ist ein Ansatz, den die Überlebenden mit Interesse verfolgt haben. Genauso wie „Der Pianist“, und auch solch ein früher Film wie „Harold und Maude“. Wir hatten im letzten Sommer als Auschwitz Komitee die Anfrage zu prüfen, ob im Lager selbst ein Spielfilm von einem jungen deutschen Regisseur gedreht werden dürfte. Es gab lange Debatten, aber im Moment ist die Gedenkstättenleitung der Auffassung, dass nur Dokumentarfilme auf dem Gelände gedreht werden dürfen. Für Spielfilme muss man sich andere Orte suchen oder nachbauen. Das hat Spielberg auch so machen müssen. Aber man wird sehen, ob und wie sich das in Zukunft verändern wird.

Der Film „Die Fälscher“ wird auf der Berlinale viel Aufmerksamkeit erhalten. Wie viel Aufmerksamkeit und Unterstützung erfährt die Erinnerungsarbeit, die beispielsweise in Sachsenhausen und in Auschwitz praktiziert wird?

Die Zahl der Besucher, auch der jungen Besucher, die die Gedenkstätte Auschwitz besuchen, nimmt zu. Im Jahr kommen etwa 1 Million Besucher, Tendenz steigend. Alle, die geglaubt haben, dass das Interesse nachlassen wird, haben sich geirrt. Man muss natürlich didaktisch überlegen, wie Führungen in der Zukunft aussehen sollen und wie die Botschaften der Überlebenden in jene Zeit mitgenommen werden, wenn sie nicht mehr leben. Videoaufnahmen und Zeugenaussagen, wie sie Steven Spielberg in seiner Stiftung aufgezeichnet hat, bieten sich zum Beispiel an. Die Orte sind ganz ohne Zweifel im Brennglas des Weltgewissens und das werden sie auch bleiben.

Können Sie sich vorstellen, den Film "Die Fälscher"  auch im Schulunterricht einzusetzen?

Ich habe den Film zwar noch nicht gesehen, kann mir das aber gut vorstellen. Ich kann mir vorstellen, dass man für solche Filme einen pädagogischen Rahmen entwickelt. Ein ganz exzellentes Beispiel ist von amnesty international zu dem Film "Hotel Ruanda" gekommen, den wir übrigens auch als Kandidat für den Friedensfilmpreis diskutiert haben. Es gibt mittlerweile didaktische Leitfäden, wie dieser Genozid in Ostafrika aufgrund des Films im Unterricht bearbeitet werden kann – spannendes  Anschauungsmaterial, das zur Information und zur Identifikation einlädt. Das ist für junge Leute sehr, sehr wichtig.

Ariane Karbe arbeitete 2007 für das Pressebüro des Friedensfilmpreises.

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