Mittwoch, 12. Dezember 2018
You are here: RENAC International | Stimmen

Carolin Emcke

Journalistin und Jury-Mitglied des Friedensfilmpreises 2012

Carolin Ehmcke

Frau Emcke, sie haben Philosophie, Politik und Geschichte in London, Frankfurt und Harvard studiert. Sie waren Redakteurin des „Spiegel“, Auslandskorrespondentin in vielen Krisengebieten, haben Bücher publiziert und Auszeichnungen -wie den Ernst-Bloch-Preis- erhalten. Woran arbeiten Sie, neben Ihrer Jury-Mitgliedschaft, im Augenblick?

Ich habe gerade ein neues Buch abgeschlossen. "Wie wir begehren" heisst es und handelt von der Fragen, wie sich das eigene Begehren eigentlich entdecken lässt, vor allem, wie es sich entdecken, wenn es abweicht von der Norm. Es ist eine homosexuelle Coming of Age Geschichte, die gleichzeitig in Frage gestellt, ob es das wirklich nur einmal gibt: das Erwachsenwerden, die Entdeckung der eigenen Lust.Wir freuen uns sehr, dass wir Sie in diesem Jahr für die Jury des Friedensfilmpreises gewinnen konnten. Wann kamen Sie zum ersten Mal mit dem Friedensfilmpreis in Kontakt?

Vor zwei Jahren wurde ich angesprochen, ob ich die Laudatio auf den Gewinner-Film halten wollte. Ich bin ja keine Filmemacherin, aber ich arbeite als Journalistin seit mittlerweile dreizehn Jahren vornehmlich in Kriegs- und Krisengebieten und die Frage der Darstellbarkeit von Tod und Zerstörung treibt mich selbst, als schreibende Autorin, immer wieder um. Wieviel von Gewalt und Elend muss dargestellt werden, wieviel lässt sich nicht darstellen, was darf man nicht darstellen, weil es die Opfer von Gewalt erneut demütigen würde? Wie verläuft die Grenze zwischen Aufklärung und Obszönität - das sind Fragen, um die es auch beim Friedensfilm-Preis geht.

Gibt es in Ihrer Karriere vergleichbare Projekte wie den Friedensfilmpreis?
 
Nein. Deswegen freue ich mich so, dass ich mitmachen darf. Ich bin in verschiedenen Jurys tätig gewesen, aber keine, die einen so eindeutigen thematischen Zugriff und Horizont hatte.

In diesem Jahr wird der Friedensfilmpreis zum 27. Mal vergeben. Was genau ist, Ihrer Meinung nach, das Kriterium für einen Friedensfilm?

Nun, zunächst einmal muss der Film ein guter Film sein. Was ich damit meine? Ich meine erstmal einmal ganz handwerkliche Kriterien: gute Kameraführung, klare Dramaturgie, erkennbare Erzählstruktur. Einfach nur ein politisch wichtiges Thema zu nehmen, dann aber einen schlecht erzählten Film daraus machen - das reicht nicht. Was es dann noch zusätzlich braucht, um als Friedensfilm-Preis zu überzeugen, können ganz verschiedene Momente sein: ein Film kann auf ein Unrecht aufmerksam machen, das unbeachtet geblieben ist, ein Film kann Konflikte zu ihren Quellen zurückverfolgen und uns darin eine Einsicht vermitteln, wie Gewalt und Krieg zu vermeiden wären, es kann also ein aufklärerischer Anspruch damit einhergehen. Aber für den Friedensfilm-Preis kommen auch Filme in Frage, die eine Vision anbieten, die eine utopische Kraft in sich tragen, und uns damit anstiften können.

Was sollte der Anspruch eines internationalen Großevents wie der Berlinale sein?

Das müssen Sie Dieter Kosslick fragen.

Und was kann eine unabhängige Jury dabei bewirken?

Sie kann Filme jenseits des politischen Mainstream auszeichnen.

Welcher ist Ihr ganz persönlicher Friedensfilm?

"Sharqija", ein Film von Amir Livni über Beduinen im Negev in Israel.

 Vielen Dank für das Interview.

 

 Das Interview führte Johannes Martin 2011.

zurück