Mittwoch, 12. Dezember 2018
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Pepe Danquart

Oscarpreisträger und Gewinner des Friedensfilmpreises 1997

Pepe Danquart
Pepe Danquart, Oscarpreisträger und Friedensfilmpreisgewinner 1997

"Die beste Anerkennung die man haben kann"

Pepe Danquart, geboren 1955, hat große und kleine Trophäen in seiner Sammlung: Für seinen Kurzfilm »Schwarzfahrer«erhielt er 1994 den Oscar, 1997 gewann er auf der Berlinale den Friedensfilmpreis mit »Nach Saison«, 2000 wurde ihm für »Heimspiel« der Deutsche Filmpreis verliehen. Seine Markenzeichen sind Ehrlichkeit, politisches Engagement und die Lust, sich auszuprobieren.

Sie setzen sich sehr stark für junge Filmemacher ein: Sie sind Dozent, Sie machen in diversen Auswahlgremien mit, die Medienwerkstatt Freiburg, die Sie mit gegründet haben, hat ein SchülerFilmForum. Was ist dabei für Sie der Antrieb?

    Einerseits weiß ich, dass ich pädagogische Fähigkeiten habe. Andererseits setze ich mich gerne neuen Generationen aus. Lehren ist immer auch Lernen, es ist immer ein Wechselverhältnis. Zum Beispiel haben sich die Biografien geändert. Als ich groß wurde, waren Computer noch gar nicht existent. Heute wachsen die Kids mit MTV und mit völlig anderen visuellen Wahrnehmungen auf; sie sind in der Lage, drei, vier oder fünf Sachen gleichzeitig zu sehen. Das führt zu einer anderen Ästhetik. Wenn du lehrst, spürst du Reibung. Du merkst, ob deine Arbeit Starrsinn ist und ob sie noch aktuell genug ist ...

Was ist der Unterschied zwischen Ihnen als 68er und jungen Filmemacherinnen und Filmemachern?

    Wir hatten klare Ziele und wir haben uns verdammt ernst genommen. Vielleicht zu ernst, wir dachten wirklich, wir verändern etwas. Allerdings waren auch Spaß und Ironie ganz wichtig. Immerhin wollten wir die Alpen abschaffen, um das Meer zu sehen; Freiburg sollte zum Venedig Südbadens werden. Wir wollten Oberbürgermeister werden. Ich bin eigentlich kein 68er, eher ein 70er/80er – die 68er waren uns damals suspekt.

Die waren zu ernst...

    Die waren noch ernster. Auch wir haben geglaubt, dass unser Tun die Gesellschaft verändert. Aber irgendwann kommt der Punkt, wo die Ideologie versagt, wo dann einfach nichts mehr da ist, und der Mensch übrig bleibt. Dann muss man sich als Mensch in der Gesellschaft verhalten. Die Jugend heute ist von der Globalisierung geprägt. Doch die moralische jugendliche Empörung gegen die Ungerechtigkeit in dieser Welt ist im Vergleich zu früher nicht mehr so ausgeprägt. Es gibt immer weniger explizit politische Studenten an den Filmschulen. Die meisten wollen dort einfach Karriere machen, große Regisseure werden und Hollywood-Oscars gewinnen.

Auf der Berlinale gibt es einige Filme zur NS-Geschichte. Meinen Sie, dass Filme zu diesem Thema heute noch Bedeutung haben?

    Es wird sicher gestöhnt, aber Bedeutung haben sie trotzdem. Wenn man sich solchen Themen zuwendet, dann ist das nach wie vor eine sehr wichtige Art von historischer Rückarbeit und auch Bewusstseinsarbeit. Wenn man in Berlin herumläuft, ist man nach wie vor mit der NS-Geschichte konfrontiert. Wenn man an einer Synagoge vorbei geht und sie schwer bewaffnet bewacht werden muss, macht das traurig. Insofern sind Faschismus, Antisemitismus und Rassismus Themen, die auch filmisch artikuliert werden müssen.

Zur NS-Zeit gibt es ja auch tragische Komödien wie »Das Leben ist schön«...

    ... ich finde „Zug des Lebens“ noch besser. Auch „Der Pianist“ von Polanski ist ein Meisterwerk. Ich habe immer große Stücke auf Polanski gehalten, aber dieser Film hat mir die Luft weg genommen. Es ist einer der besten Filme der letzten Jahre. Denn man spürt in jeder Einstellung, dass er sie gelebt hat. Fast jede Einstellung, die dieser Film hat, hat eine eigene Geschichte, hat eine Tiefe.

Polanski selbst ist Überlebender des Ghettos.

    Das ist ja fast seine eigene Geschichte, und das spürt man auch.

Sie haben eben gesagt, der filmische Nachwuchs sei unpolitisch. Dieter Kosslick sagt, der politische Film sei im Aufwind. Was stimmt?

    Da kann ich Dieter Kosslick nicht zustimmen. Politische Filme wie Polanskis „Pianist“ empfinde ich eher als Ausnahme.

Für Ihren Film „Nach Saison“ waren Sie zwei Jahre immer wieder im Krieg in Bosnien. Warum haben Sie gerade den Krieg als Thema gewählt?

    Der Bosnienkrieg hat kaum jemanden interessiert. Es fand ein Krieg mitten in Europa statt und niemand sah hin. Für mich war das ein Grund, „Nach Saison“ zu machen. Ich hatte gerade den Oscar gewonnen und konnte finanziell machen, was ich wollte. Biografisch war es für mich wichtig, diesen Film zu drehen. Ich hatte Krieg nie selbst erlebt. Auch diese Art von ethnischem Umbruch kannte ich nicht. Zum Beispiel dass ein langjähriger Freund, nur weil er einer anderen ethnischen Gruppe angehörte, zum Feind wurde und erschossen wurde. Die Zeit in Bosnien war einerseits lebensgefährlich, andererseits musste man aber auch dieses Elend tragen. Ich wusste natürlich, dass Dokumentarfilm in diesen Formen die Ausbeutung des Elends ist. Diesem Widerspruch muss ich mich immer stellen und mich dazu verhalten.

„Nach Saison“ hat 1997 den Friedensfilmpreis gewonnen. Es ist erstaunlich, dass Sie den Friedensfilmpreis neben dem Oscar für „Schwarzfahrer“ immer erwähnen ...

    Der Friedensfilmpreis steht auch neben dem Oscar in meinem Regal.

Welche Bedeutung hat der „kleine“ Friedensfilmpreis für Sie?

    Nicht alles Große ist bedeutungsvoll und manches Kleine ist groß. Wenn man zwei Jahre im Krieg ist und dann dafür den Friedensfilmpreis erhält, ist das natürlich die beste Anerkennung, die man kriegen kann. Und ich habe festgestellt, dass das in der Welt auch so gesehen wird. Der Friedensfilmpreis ist ein Preis, der Inhalt hat. Das ist nicht ein Preis, der auf Zufälligkeiten, auf Lotterie oder auf Statistik basiert. Der Name des Preises beinhaltet schon, dass es sich lohnt, sich für den Frieden einzusetzen. Gut finde ich auch, dass der Friedensfilmpreis keine Genre-Grenzen kennt. Er macht nicht Halt vor kommerziellen Filmen, es kann ein kleiner dokumentarischer Film oder ein experimenteller oder ein Kinderfilm sein. Wenn Leute ins Kino gehen und verändert heraus kommen, hat ein Film seine Existenzberechtigung gefunden. Und das unterstützt dieser Preis extrem.

Hat er Ihnen genutzt?

    Die Frage wird mir normalerweise immer im Zusammenhang mit dem Oscar gestellt. Aber eigentlich nützt ein Preis nichts. Es ist die Kontinuität von Anerkennung, die dir nützt. Einmal einen Preis zu gewinnen, und dann kommt zwanzig Jahre nichts mehr ... Er nützt mir insofern, als es eine persönliche Art von Bestätigung für Arbeit und Einsatz ist. Denn über die Vergabe des Preises erkennen Menschen an, dass deine Arbeit wertvoll ist und dass dein Film etwas vermittelt.

In „Nach Saison“ haben Sie den Krieg in Bosnien thematisiert. Mit „Heimspiel“ haben Sie 2000 den Deutschen Filmpreis gewonnen – mit einem Film über Sport?

    „Heimspiel“ ist ein politischer Film über Ost und West. Kein Mensch würde sich einen reinen Ost-West-Film im Kino angucken, deswegen habe ich das Transportmittel des Eishockeyspiels gewählt.

Weil Sie Eishockey-Fan sind?

    Bevor ich den Film angefangen hatte, war ich noch nie im Eisstadion. Bevor ich „Höllenfahrt“ drehte, hatte ich noch kein einziges Radrennen begleitet. Bei „Heimspiel“ hat mich der Eishockey-Mikrokosmos als Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse interessiert. Und eben auch als Transportmittel. Filmisch ist es natürlich jedes Mal eine Herausforderung besser zu sein als die, die vor dir einen Eishockeyfilm gemacht haben. Das ist dann der Artist in mir, der über die bestehenden Grenzen hinaus kommen will. Thematisch war der Angelpunkt das schwierige Verhältnis zwischen Ost und West kurz nach der Wende, die Auseinandersetzung der Ost-„Eisbären“, ein Stasi-Club, mit dem Westclub, den „Capitals“.

Ist denn „Höllenfahrt“, der Film über die Tour de France, auch ein politischer Film?

    Das kommt darauf an, wie Politik definiert wird. Mich interessiert nicht der Gewinner, mich interessiert der Verlierer. Mich interessiert Leiden und mich interessiert das Engagement, das Commitment, für eine Idee. Du gibst deine Jugend auf, um den Traum zu leben, irgendwann einmal zur Weltspitze zu gehören. Es sind große Menschen bei der Tour. Die Geschichte der Tour de France ist die Geschichte von Menschen. 1903 war es für die Leute, die in den Minen gearbeitet haben, eine Möglichkeit, ihr Leben zu ändern. Wenn sie nur eine Etappe gewonnen haben, hat sich ihr Leben verändert. Das ist auch ein Teil der Tour-Geschichte, dass man mit Sport glaubt, aus dem Elend herauszukommen. In Frankreich fuhr man Fahrrad, in Brasilien spielen die Jugendlichen Fußball.

Sie haben gesagt, dass Erik Zabel ein toller Typ sei. Warum?

    Weil er ein Mensch ist, der Leistung und Freundschaft respektiert, der sich einzuschätzen weiß. Er hat ein großes Herz, verfügt über Ironie, Selbstdistanz, eine große Leidensfähigkeit. Sicher wird mein Film zur Legendenbildung beitragen, aber auf der anderen Seite sind Erik Zabel und andere einfach so liebenswert, dass sich niemand dieser Größe entziehen kann.

Bisher sind Sie ja in unseren Augen ein sehr engagierter politischer Filmemacher – und jetzt kommt c(r)ook.

    Ein crook ist der Gangster und ohne „R“ ist es der Koch. Es ist die Geschichte von einem Mafia-Gangster, der aus der Mafia hinaus und nur noch kochen will. Was zu erheblichen Komplikationen führt. Es ist wahrlich kein politischer Film. Wobei ich immer sage, wenn die Menschen immer glauben, alles zu wissen, dann können sie von Gangstern immer noch etwas lernen – wenigstens das Kochen.

Ist das der Spaßguerilla-Faktor?

    Nein. Als ich den Oscar für einen Kurzfilm gewonnen habe, war ich der Kurzfilm-Guru. Hast du einen Dokumentarfilm, dann bist du Dokumentarfilmer. Machst du einen Spielfilm, dann bist du der Spielfilmregisseur. Ich merke, dass jede Lebensphase auch andere Bedürfnisse in mir weckt. Jetzt mache ich eine Gangster-Comedy, um die Leute zu unterhalten und mich in diesem Genre auszuprobieren. Ganz nebenbei, das ist einer meiner besten Filme.

Wird man Filme von Ihnen auf der Berlinale sehen können ?

    Nein, die Berlinale hat sich gegen „c(r)ook“ entschieden. Er wird zweimal im Filmmarkt laufen. Es ist noch unklar, wann er in die Kinos kommt. Ich hoffe, dass „Höllenfahrt“ vor der nächsten Tour de France im Kino zu sehen sein wird.


Das Gespräch führten Boris Buchholz und Ulla Gorges 2004.

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