Montag, 21. August 2017
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Interview mit Marianne Wündrich-Brosien zur Geschichte des Friedensfilmpreises bei der Berlinale (Februar 2016)

Marianne Wündrich-Brosien, Jurymitglied der ersten Stunde

Was war der Impuls, den Friedensfilmpreis zu stiften?


1986 war UNO Jahr des Friedens. Das war der Impuls für die Schaffung des Friedensfilmpreises. In Berlin gab es damals massig Friedensinitiativen, in jedem Bezirk. So auch unsere in Zehlendorf. Berlin war ja noch eingesperrt und wir wollten, dass die Welt soll weiß: auch in dieser eingeschlossenen Stadt gibt es friedensbewegte Menschen. Und es schien uns das Beste, etwas internationales zu machen. Die Berlinale ist international, also müssen wir da einen Preis stiften. Das war die Initialzündung.


Welche gesellschaftliche Rolle spielte damals die Friedensbewegung?

Ein wesentlicher Punkt war damals die „Anti Atom“ Bewegung. Und die Nachrüstung. Das waren zwei Themen für die wir auf die Straße gegangen sind.
Was war euer Ziel, als ihr diesen Friedensfilmpreis gestiftet hab?
Ich habe mir vorgestellt, wenn in dieser großen Stadt, die so viele Kinos hat, überall ein Friedensfilm gespielt wird. Die tollsten Filme, aber alle haben den Aspekt etwas Friedensstiftendes. Wie das wirken würde? Ob sich da was ändern würde? So kindliche Gedanken waren das.

Wie beurteilst Du das jetzt, 30 Jahre später?

Heute ist das sehr anders. Die jungen Leute gehen weniger ins Kino. Sie haben meist ihr Handy in der Hand und gucken da rein. Heute würde man sie mit Demonstrationen auf der Straße nicht mehr erreichen. Mit dem Kino, mit engagierten Filmen, wirst Du die Masse der jungen Leute nicht erreichen. Ich weiß nicht, ob es nur meine Wahrnehmung ist die sich da verändert hat. Aber es gibt jetzt kein aktuelles Problem zu dem nicht sofort ein, zwei oder drei Filme entstehen. Das finde ich schon sehr wichtig und wesentlich, denn wir Alten gehen ja noch ins Kino.

Welche Widerstände habt ihr damals erlebt, als ihr den Friedensfilmpreis ins Leben gerufen habt?

Riesige! Er wäre beinahe nicht entstanden! Wir sind damals zur Berlinale Verwaltung gegangen nachdem wir die Idee geboren hatten das wir das hier machen wollen. Und haben das dem damaligen Leiter vorgetragen, der hieß Moritz de Hadeln, der hat uns sehr von oben herab angeguckt, er ist wirklich sehr groß. Etwa so: ihr geht auf die Straße, demonstriert für alle möglichen Sachen. Und ihr wollt auf dem größten Filmfest einen Preis vergeben, das ist ja geradezu lachhaft. Er hat es nicht so gesagt, aber du konntest es in seinem Gesicht sehen. Wir haben aber weiter erklärt, dass wir das möchten und wie wichtig wir das erachten und dass es doch friedensstiftend sein könnte. Und dann hat er uns unwillig verabschiedet. Aber wir waren schon etwas penetrant und auf einem weiteren Termin bestanden. Dieser Termin hat auch stattgefunden. Darauf haben wir uns vorbereitet. Da haben wir jemanden aus der Friedensbewegung mitgenommen, einen schönen alten Mann. Das war so ein Einstein Verschnitt, mit weißem, silbergrauem Haar und immer sehr edel angezogen, ein Lungenfacharzt. Und den musste Moritz de Hadeln mit „Doktor“ ansprechen. Das hat uns besonders gefallen. Kein Mensch sagte Doktor zu ihm, Dr. Wennedei, so hieß er, sondern Michael. Aber de Hadeln musste ihn mit Doktor ansprechen. Und dann hat er zähneknirschend gesagt, gut, Sie wissen ja wo die Verwaltung ist und was Sie alles tun müssen um sich anzumelden. Das war wirklich eine Hürde. Da waren wir nicht sicher, ob man uns zulassen würde. Aber letztlich hat er sich nicht getraut das Angebot eines Friedenfilmpreises abzulehnen, weil damals die Friedensbewegung insgesamt doch eine große Bedeutung hatte. Viel mehr als heute, viel mehr. Das kann man gar nicht vergleichen. Heute siehst du sie nicht mehr auf der Straße, du kannst sie im Internet sehen. Und das sollte ich noch erzählen.

Was ist für Dich die bedeutendste Wirkung des Friedensfilmpreises?

Die Tatsache, dass es auf dem größten, vielfältigsten Filmfest, das die Berlinale nun mal ist, diesen Preis gibt. Das ist eine Sache, die nicht zu übersehen ist. Die Presse, so wenig sie auch darüber berichtet, übersieht ihn nicht mehr.

Was hat sich seit damals verändert?

Der Preis hat Anfangs kein Geld gebracht. Wir haben immer etwas Schönes geschenkt. Also z.B. eine Radierung von Käthe Kollwitz, die einer unserer Ärzte, die wir uns bald als Schirmherren geholt haben, gestiftet hat. Einmal hat es einen Bären gegeben, aus Keramik. Der sah nicht schön aus. Ich hatte ziemlich zu Anfang Otmar Alt gefragt, ob er nicht ein Symbol machen könnte? Da hat er geantwortet, dieses Jahr macht ihr was, aber nächstes Jahr passiert nichts mehr. Und ich mache mir hier Mühe und das kostet ja auch Geld, so eine Skulptur muss gegossen werden. Da war ich sauer und habe nichts mehr gesagt. Nach dem 9. Friedensfilmpreis habe ich ihn angesprochen. Nächstes Jahr vergeben wir den 10. Friedensfilmpreis, was hältst du davon? Und da hat er uns diese schöne Blume gestiftet. Und so wurde dieser Preis immer solider. Wenn man das so sagen kann, solide war er eigentlich immer. Es hat mal in einer Zeitung gestanden, es seit der schönste Filmpreis. Das schrieb die Presse, es war ein Gewinn, dass er uns die Skulptur geschaffen hat. Man musste ja immer überall bohren.

Der Friedensfilmpreis wird in diesem Jahr zum 31. Mal in Folge verliehen. Das ist
auch Dein Verdienst, woher hast Du die Energie für diese lange Zeit genommen?

Vielleicht weil es so schwierig war, diesen Preis einrichten zu können? Das stärkt die Kampfbereitschaft, das ist eine ganz menschliche Reaktion. Und das es eine gute Sache sei, war mir immer klar. Dass man einen Film unter anderen Aspekten anschauen kann und dass ein Film was bewirken kann. Wenn die Leute weinend aus dem Kino gehen, so eine Berührung wird doch Folgen haben im Leben dieser Menschen.

Welcher Film hat dich am meisten berührt?

Es war ein Anti-Atom Film, der Titel fällt mir jetzt nicht ein. Der war aus dem bayerischen, ein Dokumentarfilm von zwei jungen Männern, die massiv gegen Atomenergie gekämpft haben. Der hat mich schon sehr berührt. Es gab aber andere Filme, die mich mehr begeistert haben, mehr Spaß gemacht haben.

Zum Beispiel?

Der Afrika Film, „We come as friends“. Der hat ganz viele schöne Szenen. Nicht nur, weil der Regisseur mit den Menschen dort so liebevoll umgeht. Entsprechend begegnen sie ihm ja auch. Schon allein wenn er mit seinem bunten Flugzeug landet. Der hat mir gefallen, der war auch schön, bei all der Schweinerei, die er aufdeckt. Das war einer der schönsten, würde ich sagen.

Wie siehst Du die Zukunft des Friedensfilmpreises?

Ich möchte, dass dieser Preis bleibt solange es das Festival gibt. Gerade im Moment. Wo die Situation weltweit so kritisch ist wo sich jederzeit was entzünden kann, ich glaube, so kritisch war es in den 30 Jahren noch nie. Dass der Preis mal überflüssig wird, da habe ich leider keine Hoffnung. Darum soll er nah bei diesem schönen Festival bleiben, das ja nicht nur auf Spaß und Vergnügen aus ist.

Die Fragen stellte Martin Zint


Mehdi Benhadj-Djilali

Regisseur, langjähriges Mitglied der Jury des Friedensfilmpreises

Mehdi Benhadj-Djilali

„Nicht ins Schubladen-Denken verfallen“

Du studierst an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Wie war Dein Weg dorthin?
Ich bin 36. Ich habe Architektur studiert, in Aachen und in Paris.Während des Studiums war es so, dass meine Entwürfe eher mit Film als tatsächlich mit Architektur zu tun hatten. Es waren eher Film-Sets. Ich habe während des Studiums, auch in Paris, Modelle gebaut für die Oper in Paris und hatte in Aachen mit verschiedenen Theaterhäusern, vor allemaber mit Filmproduktion zu tun. Ich habe dann 2000 bei meinem erstengroßen Film mitgearbeitet, der in Berlin gedreht wurde. Spätestens da war klar, für mich kann es eigentlich nur Film sein.

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Pepe Danquart

Oscarpreisträger und Gewinner des Friedensfilmpreises 1997

Pepe Danquart

"Die beste Anerkennung die man haben kann"

Pepe Danquart, geboren 1955, hat große und kleine Trophäen in seiner Sammlung: Für seinen Kurzfilm »Schwarzfahrer«erhielt er 1994 den Oscar, 1997 gewann er auf der Berlinale den Friedensfilmpreis mit »Nach Saison«, 2000 wurde ihm für »Heimspiel« der Deutsche Filmpreis verliehen. Seine Markenzeichen sind Ehrlichkeit, politisches Engagement und die Lust, sich auszuprobieren.

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Carolin Emcke

Journalistin und Jury-Mitglied des Friedensfilmpreises 2012

Carolin Ehmcke

Frau Emcke, sie haben Philosophie, Politik und Geschichte in London, Frankfurt und Harvard studiert. Sie waren Redakteurin des „Spiegel“, Auslandskorrespondentin in vielen Krisengebieten, haben Bücher publiziert und Auszeichnungen -wie den Ernst-Bloch-Preis- erhalten. Woran arbeiten Sie, neben Ihrer Jury-Mitgliedschaft, im Augenblick?
Ich habe gerade ein neues Buch abgeschlossen. "Wie wir begehren" heisst es und handelt von der Fragen, wie sich das eigene Begehren eigentlich entdecken lässt, vor allem, wie es sich entdecken, wenn es abweicht von der Norm. Es ist eine homosexuelle Coming of Age Geschichte, die gleichzeitig in Frage gestellt, ob es das wirklich nur einmal gibt: das Erwachsenwerden, die Entdeckung der eigenen Lust.

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Katrin Göring-Eckart

"Der Friedensfilmpreis ist eine großartige Erfindung"

Katrin Göring-Eckardt

"Der Friedensfilmpreis ist eine großartige Erfindung, weil er politisches Engagement fördert und unterstützt."

In Ihrer Rede zur Eröffnung der Ausstellung "Brot, Schuhe ...ÜberLeben in Auschwitz" des Internationalen Auschwitz Komitees sagten Sie: "Die Erinnerung an die Shoah ist unabschließbar." Die Überlebenden des Holocausts sind sehr alt; wie kann in Zukunft ein lebendiges Erinnern an das Mordsystem und die Menschenverachtung im NS-Staat aussehen?
    Nach dem Verschwinden der Generation der Überlebenden und Zeitzeugen bedarf es einer großen gemeinsamen Anstrengung von Politik und Gesellschaft. Die Frage ist doch: Was werden unsere Enkel und Urenkel noch vom Dritten Reich und der Shoah wissen? Werden sie sich der Verantwortung, die das Menschheitsverbrechen der Shoah für Deutschland bedeutet, noch bewusst sein? Die Weichen dafür werden heute gestellt.

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Thomas Hailer

Langjähriger Leiter des Kinderfilmfests

Thomas Hailer

Politische Filme im Kinderfilmfest: »Unglaubliche Ignoranz«

Inden Filmen des Kinderfilmfestes sterben Kinder und Erwachsene, Minen explodieren, Waisen müssen überleben, Menschen werden geschleust. Über ein ambitioniertes politisches Programm sprachen Ulla Gorges und Boris Buchholz mit Thomas Hailer, Leiter des Kinderfilmfestes der Berlinale.

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Christoph Heubner

Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees und langjähriges Mitglied der Jury des Friedensfilmpreises

christoph heubner

»Das Schicksal aller muss im Blick der Filme sein«

Der Film "Die Fälscher" läuft im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale.Er beruht auf dem Erlebnisbericht "Des Teufels Werkstatt" desAuschwitz-Überlebenden Adolf Burger. Ariane Karbe sprach mit ChristophHeubner, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees und Mitglied der Jury des Friedensfilmpreises, darüber, welche Bedeutung Spielfilme bei der Erinnerung an die Schrecken des Holocaust künftig haben können.

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Dieter Kosslick

Leiter der Internationalen Filmfestspiele Berlin

Dieter Kosslick

"Die Berlinale passt gut zum Friedensfilmpreis"

Dieter Kosslick, Leiter der Internationalen Filmfestspiele Berlin, zum politischen Film, zum Umgang mit dem Krieg, zur Rolle der 19 unabhängigen Jurys und zur Bedeutung des Friedensfilmpreises.
Der Eröffnungsfilm der letzten Berlinale – im Vorfeld des Irak-Krieges – war das Musical "Chicago". Dieses Jahr ist der Eröffnungsfilm das Bürgerkriegs-Epos "Cold Mountain". Ist die Berlinale dieses Jahr politischer, gar friedenspolitischer geworden?  

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Jutta Limbach

"Gewalt ist keine Konfliktlösung"

Jutta Limbach

Als Laudatorin für ihren 22. Preisträgerfilm konnte die Initiative Friedensfilmpreis Professor Dr. Jutta Limbach gewinnen. Vor 72 Jahren in Berlin geboren, hat Jutta Limbach bis heute die juristische und politische Landschaft der Bundesrepublik mitgestaltet: Professorin für Bürgerliches Recht und Rechtssoziologie an der Freien Universität Berlin, Justizsenatorin in der Berliner rot-grünen und der schwarz-roten Koalition, Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts. Seit 2002 ist Jutta Limbach Präsidentin des Goethe-Instituts.
In dessen weltweit 129 Niederlassungen werden täglich rund 70 Filme gezeigt - mehr als 700 versammelt das Institut in seiner Filmothek. Darunter sind Dokumentationen über Leben und Arbeitswelt in Deutschland, aber auch viele Spielfilme, die das künstlerische Filmschaffen in Deutschland darstellen.

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Wilma Pradetto und Michael Schorr

wilma und michael

Eine Besonderheit der Friedensfilmpreisjury ist von je her, dass sich die Gruppe aus filmbegeisterten Menschen aus der Friedensbewegung und aus Fachleuten vom Film zusammensetzt. Im Laufe der Jahre haben Filmemacherinnen und Filmemacher mitgearbeitet, die heute den deutschen Film oder auch das deutsche Fernsehen prägen: Andreas Dresen, Andreas Kleinert, Hans Weingartner und Chris Kraus, dessen Film "Vier Minuten" zu Jahresbeginn überall Aufsehen erregte.
Auch in diesem Jahr konnte die Initiative Friedensfilmpreis zwei namhafte FilmemacherInnen neu für die Mitarbeit in der Jury gewinnen: Wilma Pradetto und Michael Schorr.

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Robert Thalheim

Regisseur, Laudator des Friedensfilmpreises 2009.

Robert Thalheim

„Ich glaube an die Kraft von Filmen“

Herr Thalheim, Sie sind Theaterregisseur und Stückeschreiber, ein vielfach ausgezeichneter Filmemacher, Sie waren Herausgeber eines Kulturmagazins und sind Mitautor eines Buches – fehlt etwas?
    Ich bin seit eineinhalb Jahren Vater. Mein Sohn ist neben der Arbeit ein weiterer Hauptbestandteil meines Lebens – ich bin gerade dabei, herauszufinden, wie man beides ausgleichen kann, wie man beide Rollen gut erfüllen kann.

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