Sonntag, 20. Oktober 2019
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34. Friedensfilmpreis bei der 69. Berlinale

Mit dem 34. Friedensfilmpreis bei den 69. Internationalen Filmfestspielen Berlin 2019 wird ausgezeichnet:

«Espero tua (re)volta» (Your Turn) von Eliza Capai, mit Lucas "Koka" Penteado, Marcela Jesus, Nayara Souza, Brasilien 2019, 93'


Begründung der Jury: Der Preisträgerfilm zieht uns in einen hochaktuellen und universellen Konflikt: den Kampf um Bildung für alle. Die gesellschaftliche Emanzipation der jungen Generation steht für die politische Dimension dieses Kampfes. Der im Kollektiv entstandene Film überzeugt durch seine intelligente Montage und seine originelle Erzählform. Die mitreißende Dynamik des Films inspiriert uns selbst gewaltfrei gegen den Missbrauch staatlicher Autorität auf die Barrikaden zu gehen.

Lobende Erwähnungen

Midnight Traveler ist ein Dokumentarfilm von Hassan Fazili, einem afghanischen Regisseur, der aufgrund von Todesdrohungen der Taliban mit seiner Familie geflohen ist. Es ist ein persönliches Dokument der Flucht aus der Perspektive der Geflüchteten selber. Aufgenommen nur mit dem Handy. Lachend, weinend, tanzend, prügelnd, rennend und wartend begleitet man seine zwei Töchter, seine Frau und ihn über drei Jahre. Ein Film, den jede Europäerin sehen sollte, denn es sind unsere unmenschlichen Außengrenzen, die Geflüchtete in Lager stecken, sie in Ungewissheit warten lassen, sie in die Hände von Ausbeutern treiben und wo der politische Willen zu einer Lösung bis heute nicht in Sicht ist.

System K - K steht für Kinshasa im Kongo, ist ein Dokumentarfilm von dem Belgier Renaud Barret. Ein emanzipatorischer Film, kein Afrika-Recycling-Müll Film, der uns daran erinnert was Kunst ausrichten kann und auch sollte! Kunst, die nicht für einen Kunstmarkt oder für eine Elite in Museen produziert wird. Sondern die draußen stattfindet, auf der Straße, im Chaos, die sich in die Gefahr begibt. Kunst, die sich nicht zu eitel ist aktivistisch zu sein. Wir lernen verschiedene Kongolesische Künstlerinnen und ihre Praxen kennen und wie sie kollektiv zusammenarbeiten und sich unterstützen, eine radikale Avantgarde, die Kunst macht um zu Leben und damit ihrer Gesellschaft eine kritische Stimme gibt, immer am Rande des Abgrunds, ohne jegliche Unterstützung. Und das möchten wir würdigen.

Laudatio der Jury

Vorgetragen von Nora Al-Badri und Jean Peters

 

 

Nora: test test Mikro... so wie machen wir es jetzt. Fünf Minuten oder? fängt die Laudatio schon an??

Jean: Wir schmeißen uns die Bälle einfach hin und her, oder? is n kollektiv produzierter film, dann sprechen wir auch kollektiv als Jury, oder?

Nora: Alles klar, let's go!

Jean: Okay, ich hatte überlegt, welche Zitate ich aus Brasilien hier sagen kann. Ein Freund von mir riet mir zu verraten, dass ich gern Lambada tanze. Das sei in etwa so, als würden Brasilianer hier Peter Alexander loben. Wieso sage ich das? Unsere Bundeskanzlerin hat vor ein paar Tagen auf der Münchener Sicherheitskonzerenz die Schülerdemos Friday for Future in den Kontext hybrider Kriegsführung gestellt. Wenn in dem Augenblick der Saal aufgestanden wäre, Peter Alexander gesungen und Lambada getanzt hätte, wären wir nicht im spröden Europa, der Film Espero tua (Re)volta, wäre schon längst Pflichtfilm in unseren Schulen.

Nora: Ja okay, danke Jean, Du hattest deine zwei Minuten. jetzt hat hier wieder der Mann angefangen zu sprechen... das können wir besser. also nochmal:
"Jugend ist Revolution!" „Sich mit Schülerinnen anzulegen ist sich mit dem Satan anzulegen!“ schreit der Sprechchor von Schülerinnen. fast 200 besetzte Schulen. Tausende Schülerinnen gehen auf die Barrikaden und kämpfen um was? Um Bildung. Und um so viel mehr. Wir stehen mitten drin im Protest, in den Straßen Tag wie Nacht und in öffentlichen Gebäuden in Sao Paulo. Wir sitzen in den Besprechungen der Schülerversammlungen, wir machen Party, kochen in Schulkantinen, diskutieren mit Polizistinnen und rennen weg in Panik vor der erschreckenden Gewaltbereitschaft des Staates. Heute wird das Kino hier zum Klassenzimmer im besten Sinne. Wir danken den Protagonistinnen und der Regisseurin für ihren Mut und dafür dass sie ihre Energie mit diesem Film festgehalten haben und ihn mit uns und mit der der ganzen Welt teilen. (an Jean übergeben)

Jean: Du Nora, wenn wir jetzt die ganze Liste vortragen, was den Film zum Gewinner des Preises macht, werden wir nicht in fünf Minuten fertig, das dauert Stunden.

Nora: Alles klar, stimmt, na dann los: Die fantastische Musik, die Schnitte, die Sprache sind rasend

Jean: Gewaltfreier Widerstand will gelernt sein - und diesen Prozess dürfen wir live miterleben

Nora: Was soll man tun, wenn man das erste mal vor einer Polizistin steht, die bereit ist gegen uns zu kämpfen, die in voller Montur bewaffnet ist und wir haben nichts außer unserer Ideen und Worte?

Jean: Man spürt die Rolle der Kunst im Widerstand: Spoken Word, Musik, Tanz

Nora: Wir lernen - und zwar ganz ohne bemühte Didaktik - wie man sich selbst organisiert und was man als Kollektiv verändern kann.

Jean: Die internen Kämpfe werden nicht ausgelassen gegen Machismo, zwischen arm und reich zum Beispiel. Wie Bildung über Zugang entscheidet.

Nora: Moment, kurze Pause: wie siehts eigentlich hier aus? Wer hier im Raum hat ein akademisches Elternhaus? Ein mal melden bitte (Jean meldet sich auch)

... pause …

Jean: Hat sich noch jemand nicht gemeldet dem das peinlich ist?

Nora: Okay weiter im Flow: Der Film zeigt aber auch, wie Selbstorganisation solche Grenzen überwinden kann.

Jean: Ihr zeigt, wie man Verletzbarkeit als Waffe einsetzen kann

Nora: Diese Verletzbarkeit entfaltet eine Kraft und Stärke, wie kein Machismo es fertig bekommen würde.

Jean: Aber auch was das kostet, denn Aktivismus, die Körperlichkeit kommen nicht umsonst.. hinterlassen Spuren, Panickattacken, bringen die Aktivistinnen an ihre Grenzen des Aushaltbaren.

Nora: Es geht um ein Regime, dass Bildung bekämpft. Und zwar mit einer Härte und Gewalt, die uns an Diktaturen und Polizeistaaten denken lässt.
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Jean: Aber das Handwerk des Films ist halt auch geil!

Nora: Absolut! Die Fülle des Laien-Materials, das sehr professionell - zielführend, dynamisch, attraktiv - zusammengestellt wurde

Jean: der Film ist ja offensichtlich auch kollektiv produziert worden - das übrigens der ganzen Filmbranche auch noch mal in den Hintern tritt wenn sie auf irgendwelche Regie-Genies pocht. Das Werk ist wichtig, nicht die Autorenschaft!

Nora: die dramaturgie macht keine Kompromisse - wie der flow eines Battle Raps, dem kein Riegel vorgesetzt wird damit auch jede es verstanden hat

Jean: wie im politischen Kampf selbst, wobei wir die Orientierung im Film doch nicht verlieren

Nora: Marcela, Nayara und Lucas führen uns atemlos als endloses voice-over durch die Rebellion einer ganzen Generation.

Jean: was Eliza Capai zusammen mit vielen anderen geschaffen hat ist ein künstlerisches Werk, was sich aus dem Rhythmus der Revolten speist, was uns mitreißt

Nora: Ihr fragt mit dem Film eine wichtige Frage in den Saal, und es bleibt an uns sie zu beantworten: kann das revolutionäre Kollektiv, mit all seinen Mobilisierungsstrategien, mit seiner zärtlichen Achtsamkeit und kampfbereitschaft, von Chile nach Brasilien auch nach Europa transportiert werden? Können wir es auf internationale Solidarität erweitern und den Raum bereiten, für eine Zukunft für die kommenden Generationen? Werden wir es schaffen, 2019 vor dem Bundestag hinter brennenden Barrikaden bei Peter Alexander Lambada zu tanzen? HAHA

Die Jury hat den Film positiv verlassen, voller Energie und Zuversicht jedoch ohne bemühtes Happy End der Dramaturgie wegen. Es ist klar, wir alle sind politische Subjekte. Das Kino wird heute zum brodelnden Klassenzimmer, eine Lektion in Protest. Let's do it. Vielen Dank!
Ende.